HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •12.06.1993
#HerthaMuseum (#04)
 

#HerthaMuseum (#04)



"Pokalfinale im Wohnzimmer"

Die "Hertha-Bubis" - vor 25 Jahren geht der Traum vom DFB-Pokal-Finale im Berliner Olympiastadion in Erfüllung (12.06.1993)

 Samstag, der 12.06.1993, es findet das 50. Endspiel um den DFB-Pokal vor über 76.000 Zuschauern im restlos ausverkauften Berliner Olympiastadion statt.
 
Als erste Amateurmannschaft in der Geschichte dieses Wettbewerbs, haben sich die Hertha Bubis, wie die Amateure im Laufe der Saison von der Presse und den blau-weißen Anhängern umgetauft werden, für dieses Finale gegen den haushohen Favoriten und mit zahlreichen Nationalspielern besetzten Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen qualifiziert.
 
Eine großartige Kulisse, die aufgrund von circa 65.000 Hertha-Fans mit ihren lautstarken Anfeuerungsrufen eine Heimspiel-Atmospähre schafft, visuell aber überwiegend leider von gelbfarbenen Schirmmützen geprägt ist, die anlässlich der Bewerbung der Stadt Berlin zur Ausrichtung der Olympischen Spiele im Jahre 2000 vor Spielbeginn verteilt werden.
 
Nachdem die Lizenzspieler-Mannschaft von Hertha BSC den Gewinn des DFB-Pokals in den Endspielen 1976/1977 und 1978/1979 denkbar knapp verpasst hat, wollen die Hertha BSC Amateure ihre ohnehin schon großartige Leistung krönen und den DFB-Pokal in der Saison nach Begehen des 100-jährigen Vereinsjubiläums erstmalig gewinnen.
 
Zugleich wäre es auch die Revanche für das Pokal-Aus der Profis, die sich zuvor im Achtelfinale mit 0:1 durch ein Tor von Andreas Thom bei Bayer 04 Leverkusen geschlagen geben mussten. 
 
Die Hertha BSC Amateure machen sich vor diesem Endspiel trotz der Außenseiterrolle berechtigte Hoffnungen auf den Gewinn des DFB-Pokals, denn der übermächtig anmutende Gegner hat zuvor noch nie einen Titel im bundesdeutschen Fußball errungen - zudem hoffen die Blau-Weißen nach der Beurlaubung des noch im Halbfinale siegreichen Trainers Reinhard Saftig durch den allmächtigen Manager Rainer Calmund auf Dissonanzen bei den Leverkusenern, da nun Dragoslav Stepanović, im Halbfinale pikanterweise noch Trainer der unterlegenen Frankfurter Eintracht, das Traineramt einnimmt.
 
Kurz vor Anpfiff des Endspiels räumt Manager Rainer Calmund unter der Last der vermeintlichen Favoritenrolle ein: "Die Düse geht mir schon 1:1.000, und der Blutdruck ist bestimmt über 200".
 
Grund hierfür ist insbesondere auch die Art und Weise, wie sich die Hertha Bubis diese Final-Teilnahme erarbeitet, erspielt und erkämpft haben und die vorherigen Siege durchweg in die Kategorie "verdient" einzuordnen sind.
 
Als etwas überraschender Berliner Pokalsieger nach einem 1:0 gegen die Reinickendorfer Füchse erstmals als Teilnehmer am DFB-Pokal-Wettbewerb qualifiziert, beginnt der Traum der Hertha BSC Amateure nach einem Freilos in der zweiten Hauptrunde mit einem mühelosen 3:0 (2:0) gegen den badischen Verbandsligisten SGK Heidelberg.
 
In der dritten Hauptrunde folgt im Stadion an der Osloer Straße das überraschende 4:2 (1:1) gegen den Zweitligisten und späteren Aufsteiger in die 1. Bundesliga, VfB Leipzig, bevor dann im größeren Mommsenstadion der amtierende Pokalsieger und Zweitligist Hannover 96 im Achtelfinale mit 4:3 (0:1) sowie der Bundesligist 1. FC Nürnberg im Viertelfinale mit 2:1 (0:0) in jeweils hochdramatischen Partien besiegt werden.
 
Zum Halbfinale folgt der Umzug in das weite Rund des Berliner Olympiastadions, bei dem über 56.000 frenetische Zuschauer die Mannschaft zu einem 2:1 (2:1) gegen den Zweitligisten Chemnitzer FC anfeuern und der Traum vom Endspiel endlich Realität ist.
 
Insbesondere die Leistung im Semifinale, in dessen Halbzeitpause Frank Zander erstmals die bis zum heutigen Tage ultimative Vereinshymne "Nur nach Hause geh'n wir nicht" anstimmt, reißt Fans und Spieler gleichermaßen zu Begeisterungsstürmen hin. Libero Sven Meyer fasst nach dem Spiel kurz und knapp zusammen, was alle Herthanerinnen und Herthaner fühlen: "Einfach ein Traum".
 
Die Leverkusener haben in diesem Jubiläumsfinale jedoch von Beginn an mehr Spielanteile, die spielerische Überlegenheit des Bundesligisten ist unübersehbar, die Amateure von Hertha BSC schaffen es nicht, sich permanent von dem Druck zu lösen, einige gute Ansätze bleiben jeweils nur kurze Strohfeuer.
 
Trotzdem gehen beide Mannschaften mit einem torlosen Remis in die Halbzeitpause.
 
Nachdem Franco Foda, nach einem von ihm selbst eingeleiteten Angriff auf Zuspiel von Heiko Scholz, freistehend mit einem harten Linksschuss exakt vom Elfmeterpunkt am herausragend parierenden Torwart Christian Fiedler scheitert und Pavel Hapal kurz danach ebenfalls aus elf Metern mit einem Gewaltschuss, der erst an die Querlatte, dann an den rechten Innenpfoten und dann wieder an die Querlatte springt, scheitert, ist es in der 77. Spielminute dann doch soweit.
 
Nachdem Christian Fiedler einen tückischen Aufsetzer aus circa 25 Metern vom Leverkusener Mannschaftskapitän, Franco Foda gerade noch aber nicht weit genug klären kann, flankt Pavel Hapal den abgewehrten Ball von der linken Seite auf den langen rechten Pfosten.
 
Christian Fiedler will erst Herauslaufen, entscheidet sich dann aber doch auf die Torlinie zurückzukehren, die Flanke landet bei Ulf Kirsten - von dem in dieser Partie bis zu diesem Zeitpunkt nichts zu sehen ist -, der sich im Rücken vom kurz zuvor für Oliver Schmidt eingewechselten Bewacher Sascha Höpfner hochschraubt und per Kopfball den Führungstreffer markiert.  
 
Die Mannschaft um Kapitän Karsten Nied gibt sich nach dem Rückstand nicht auf, letztendlich fehlen den Amateuren jedoch die Mittel, um sich mit einem Tor zumindest noch in die Verlängerung zu retten.
 
Und so pfeift Schiedsrichter Klaus Merk, der die Partie über die gesamten 90 Minuten im Dauerregen tadellos geleitet hat, nahezu pünktlich ab.
 
Die Sensation ist ausgeblieben, der Favorit hat in einer weniger schön anzusehenden, weil vorwiegend kämpferisch geführten Partie als bessere Mannschaft und aufgrund der hochkarätigeren Torchancen letztendlich verdient gesiegt - den Amateuren wird von allen Seiten attestiert, sich höchstes Lob verdient zu haben. 
 
Der Sponsor der Werkself schaltet eine ganzseitige Anzeige in einer renommierten Sportzeitung und streut mit den Worten "Sorry Hertha. Nicht jeden Schmerz kann Bayer lindern" zusätzlich Salz in die Wunde der tapferen Hertha-Bubis.
 
Für die Berliner Anhängerschaft ist ein äußerst schwacher Trost, dass sich durch den Sieg der Leverkusener und die damit verbundene Qualifikation für den europäischen Pokalsieger-Wettbewerb nun die Freunde des Karlsruher SC als Tabellensechster der abgelaufenen Bundesliga-Saison für die Teilnahme am kommenden UEFA-Pokal-Wettbewerb qualifiziert haben.  
 
Letztendlich bleiben für Hertha BSC aber auch ein Vierteljahrhundert nach diesem DFB-Pokal-Endspiel die Worte "Jetzt weinen wir erst ein bißchen zusammen, und dann wird gefeiert" von Trainer Jochem Ziegert nach dem Abfiff die einzig richtige Einordnung dieser denkwürdigen Pokal-Geschichte der Hertha Bubis.

Veröffentlichungsdatum: 12.06.2018
 
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