HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •14.06.1975
#HerthaMuseum (#47)
 

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Deutscher Vizemeister 1974/1975

Die Spielzeit 1974/1975 beginnt für Hertha BSC turbulent, denn die Mannschaft steht plötzlich ohne Trainer da. Dettmar Cramer, der nach dem freiwilligen Weggang von Helmut „Fiffi“ Kronsbein zu Hannover 96 im März 1974 von Präsident Heinz Warneke als neuer Trainer präsentiert worden ist, bittet bereits nach der ersten Trainingseinheit im Juli 1974 aus persönlichen Gründen um die Auflösung seines Vertrages. Er begleitet die Mannschaft jedoch noch ins Trainingslager nach Herzogenaurach, bis mit der überraschenden Verpflichtung des bis dahin in Deutschland weitestgehend unbekannten Georg Kessler ein Nachfolger gefunden ist.

Die Akzeptanz des neuen Trainers durch die Mannschaft, die sich eigentlich auf die Zusammenarbeit mit dem renommierten Dettmar Cramer eingestellt hat, erfolgt zunächst widerwillig. Gut drei Wochen vor Saisonbeginn reist die Mannschaft Anfang August nach Japan, um in Kobe, Tokio und Omiya drei Freundschaftsspiele auszutragen. Während dieses Aufenthalts wird trotz der Strapazen die anfängliche Skepsis jedoch schnell überwunden und eine Vertrauensbasis zwischen Spielern und Trainer als Grundlage für eine erfolgreiche Zusammenarbeit gelegt.

 
Die Hinrunde

Zum ersten Spiel der Bundesliga-Saison 1974/1975 begrüßt Hertha BSC die Elf von Fortuna Düsseldorf im heimischen Olympiastadion. Vor etwas über 30.000 Zuschauern gelingt den Hausherren in einer abwechslungsreichen Partie nach anfänglicher Führung, zweimaligem Rückstand und drei teils umstrittenen Strafstößen durch einen verwandelten Elfmeter von Ludwig „Luggi“ Müller in der Nachspielzeit zum 3:3 (1:2) noch ein leistungsgerechtes Remis. Nach einem 1:2 (0:1) beim aktuellen Deutscher Meister Bayern München, rangieren die Blau-Weißen nach dem zweiten Spieltag lediglich auf dem 14. Tabellenplatz. Eine Woche später gastiert die „Alte Dame“ in der 1. Hauptrunde um den DFB-Pokal bei Eintracht Braunschweig und muss sich mit 1:4 (1:3, 1:1, 0:1) nach Verlängerung erneut geschlagen geben.

Das Berliner Publikum bleibt aufgrund des durchwachsenden Saisonstarts skeptisch, was sich auch in der Besucherzahl am dritten Spieltag beim ersten Mittwochspiel trotz eines herrlichen Spätsommerabends widerspiegelt, denn lediglich knapp 20.000 Zuschauer bejubeln nach Torerfolgen von Uwe Kliemann, Holger Brück mit einem Doppelpack sowie Hans "Hanne" Weiner beim 4:1 (1:0) gegen die Offenbacher Kickers den ersten Saisonsieg. 

Dieser Erfolg beflügelt die Mannschaft von Trainer „Sir“ Georg Kessler, da die beiden folgenden Auswärtsspiele am vierten Spieltag beim Hamburger SV mit 1:1 (1:0) sowie am fünften Spieltag beim VfB Stuttgart
mit 2:1 (1:1) erfolgreich bestritten werden. Gegen den 1. FC Köln, traditionell ein Publikumsmagnet im Berliner Olympiastadion, erleben über 43.000 Zuschauer am sechsten Spieltag beim 1:1 (1:0) eine Punkteteilung, bevor am siebsten Spieltag beim Wuppertaler SV mit einem torlosen Remis ein weiterer Punktgewinn gelingt. Vier Tage später schicken die Berliner am achten Spieltag den FC Schalke 04 mit einem 1:0 (0:0) zurück nach Gelsenkirchen und klettern nach sechs Spielen ohne Niederlage auf den achten Tabellenrang. 

Die Berliner sind danach am neunten Spieltag erneut in Braunschweig zu Gast und müssen sich beim Aufsteiger im Eintracht-Stadion an der Hambuger Straße mit 1:2 (0:1) auch in der Bundesliga geschlagen geben. Aber auch dieses Mal ist der Misserfolg in Braunschweig der Beginn einer Serie von sechs erfolgreichen Spielen. Am 10. Spieltag wird zunächst Werder Bremen mit 2:0 (0:0) besiegt, bevor am 11. Spieltag bei Borussia Mönchengladbach ein 1:1 (1:0) folgt und am 12. Spieltag die Eintracht aus Frankfurt mit 2:1 (1:0) besiegt wird.

Am 13. Spieltag kommt es zu einem Novum in der Bundesliga-Geschichte, denn erstmalig stehen sich zwei Berliner Mannschaften in der höchsten deutschen Spielklasse gegenüber. Hertha BSC ist vor 75.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion bei Tennis Borussia „zu Gast“. Die Blau-Weißen entscheiden diese historische Begegnung durch Tore von Gerhard Grau und von Erich „Ete“ Beer
mit einem Doppelpack in der zweiten Spielhälfte mit 3:0 (0:0) für sich und revanchieren sich damit auch für die Entscheidung der „Veilchen“, einer Vereinbarung zur Aufteilung der Zuschauereinnahmen bei beiden Aufeinandertreffen nicht zuzustimmen.

Die Blau-Weißen sind nun derart beflügelt, dass sie am 14. Spieltag gegen den 1. FC Kaiserslautern mit 2:1 (1:0) und am 15. Spieltag beim MSV Duisburg mit 3:1 (2:0) zwei weitere Siege folgen lassen. Zudem erzielt Erich „Ete“ Beer mit seinem Führungstreffer im Duisburger Wedaustadion das erste „Tor des Monats“ für Hertha BSC. Am 17. und letzten Spieltag der Hinrunde treten die Berliner beim heimstarken VfL Bochum an, der im Ruhrstadion mit sieben Erfolgen und einem Remis noch unbesiegt ist. Die Blau-Weißen, die in den weißen Auswärtstrikots des VfL Bochum antreten müssen, da die mitgebrachten Trikots zu sehr den blauen Heimtrikots der Gastgeber ähneln, unterliegen nach einer torlosen ersten Spielhälfte deutlich mit 0:4 (0:0). Sechs Tage später kehren die Spreeathener in einem Nachholspiel vom 16. Spieltag mit einem 4:2 (1:1) gegen Rot-Weiss Essen in die Erfolgsspur zurück und thronen zu Weihnachten 1974 bzw. zum Jahreswechsel 1974/1975 auf dem ersten Tabellenrang. Allerdings entreißt Borussia Mönchengladbach den Berlinern mit zwei Siegen in zwei Nachholspielen im Januar 1975 aufgrund der besseren Tordifferenz den inoffiziellen Titel des Herbstmeisters.

Die Rückrunde

Nach einem torlosen Remis in Düsseldorf zum Auftakt der Rückrunde, steht eine Woche später ein weiterer Höhepunkt an. Am 19. Spieltag ist der FC Bayern München, der mittlerweile pikanterweise von Dettmar Cramer trainiert wird, in Berlin zu Gast. Mehr als 80.000 Zuschauern erleben in einer historischen Partie, die im Verlauf der zweiten Halbzeit aufgrund starken Nebels kurz vor dem Abbruch steht, nach einem Eigentor von „Kaiser“ Franz Beckenbauer und den Berliner Treffern von Wolfgang Sidka sowie Erich „Ete“ Beer mit einem weiteren Doppelpack beim 4:1 (1:1) den ersten Bundesliga-Heimsieg gegen den amtierenden Deutschen Meister. Die Ernüchterung folgt allerdings schon eine Woche später im Spitzenspiel vom 20. Spieltag am Bieberer Berg, als man nach einem 1:3 (1:1) beim punktgleichen Tabellenzweiten Kickers Offenbach mit leeren Händen nach Berlin zurückkehrt. Innerhalb von 14 Tagen bringt die Mannschaft den „Hertha-Dampfer“ mit zwei Heimsiegen am 21. Spieltag gegen den Hamburger SV mit 1:0 (0:0) sowie am 22. Spieltag gegen den VfB Stuttgart mit 4:0 (1:0) allerdings postwendend wieder auf Kurs.

In den nächsten fünf Wochen zeichnet sich dann ab, woran der erneute Sprung an die Tabellenspitze scheitert, denn die drei folgenden Auswärtsspiele werden am 23. Spieltag beim 1. FC Köln mit 1:2 (0:1), am 25. Spieltag beim FC Schalke 04 mit 0:1 (0:0) sowie am 27. Spieltag bei Werder Bremen mit 0:4 (0:2) allesamt erfolglos absolviert. Nur der Heimstärke der Berliner mit zwei Siegen am 24. Spieltag gegen den Wuppertaler SV mit 2:0 (2:0) sowie am 26. Spieltag gegen Eintracht Braunschweig beim 3:1 (1:0) ist es zu verdanken, dass es am 28. Spieltag zum Spitzenspiel des Berliner Tabellendritten mit Tabellenführer Borussia Mönchengladbach kommt.

Hertha BSC entscheidet diese Begegnung vor offiziell 81.455 Zuschauern im Berliner Olympiastadion nach einem Rückstand durch zwei Treffer von Kurt „Kudi“ Müller noch mit 2:1 (1:1) für sich und verkürzt den Abstand auf zwei Punkte. Dieser Abstand kann am 29. Spieltag durch ein 2:1 (0:1) bei Eintracht Frankfurt mit einem 2:1 (1:1) gegen den praktisch bereits als Absteiger feststehenden Lokalrivalen Tennis Borussia vor nur noch gut 45.000 Zuschauern in der gemeinsamen Heimspielstätte auch nach dem 30. Spieltag gehalten werden.

Aber bereits eine Woche später fällt die Vorentscheidung im Titelkampf. Während sich Borussia Mönchengladbach am heimischen Bökelberg mit einem Schützenfest gegen den Absteiger Wuppertaler SV keine Blöße gibt, unterliegen die Blau-Weißen am 31. Spieltag beim 1. FC Kaiserslautern mit 0:3 (0:2). Trotz des folgenden 3:0 (2:0) von Hertha BSC gegen den MSV Duisburg, krönen sich die „Fohlen“ am 32. Spieltag mit einem Auswärtssieg bei den Knappen in Gelsenkirchen aufgrund des weitaus besseren Torverhältnisses vorzeitig zum neuen Deutschen Meister. Durch ein 1:2 (1:0) bei Rot-Weiss Essen rutschen die Berliner nach dem vorletzten Spieltag sogar auf den dritten Tabellenplatz ab.



Der Saisonausklang

Aufgrund der Ausgangslage vor dem letzten Saisonspiel wollen am 14.06.1975 lediglich 25.000 Zuschauer einem versöhnlichen Saisonabschluss beiwohnen und werden nach Treffern von Gerhard Grau, Erich „Ete“ Beer, Ludwig „Luggi“ Müller per Strafstoß sowie Wolfgang Sidka mit einem 4:2 (3:0) gegen den VfL Bochum für ihr Kommen belohnt.

Da der Tabellenzweite und amtierende DFB-Pokalsieger Eintracht Frankfurt etwas überraschend beim Tabelleneunten Eintracht Braunschweig unterliegt, platziert sich Hertha BSC auf der Zielgeraden mit sechs Punkten Rückstand hinter Borussia Mönchengladbach erstmalig seit der Bundesliga-Zugehörigkeit auf dem zweiten Tabellenrang und ist somit Deutscher Vizemeister. Nach dem Abpfiff kennt die Euphorie der Anhänger keine Grenzen, zahlreiche blau-weiße Fans strömen auf das olympische Spielfeld und feiern ihre Mannschaft.

Zu den Leistungsträgern der Mannschaft der Saison 1974/1975 zählen neben Mannschaftskapitän Ludwig „Luggi“ Müller, der vor dem Anpfiff offiziell verabschiedet wird und mit dieser Partie seine aktive Karriere beendet, vor allem Torwart Thomas Zander, Gerhard Grau, Lorenz „Lenz“ Horr & Uwe Kliemann, die in allen 34 Saisonspielen zum Einsatz kommen. Weitere „Dauerbrenner“ und Säulen des Erfolges sind Hans „Hanne“ Weiner (33 Einsätze), Erich „Ete“ Beer & Erwin Hermandung (je 32 Einsätze), Michael Sziedat (31 Einsätze), Kurt „Kudi“ Müller & Wolfgang Sidka (je 30 Einsätze) sowie Holger Brück (25 Einsätze). Als beste Torschützen zeichnen sich Erich „Ete“ Beer mit 11 Treffern, Uwe Kliemann (7 Tore), Gerhard Grau & Kurt „Kudi“ Müller & Wolfgang Sidka (je 6 Tore), aber auch Detlev Szymanek mit 5 Treffen in lediglich 14 Einsätzen aus.


Prämienfeier

Der aus dem Saarland stammende Trainer hat vor seiner Verpflichtung eine Prämie für das Erreichen der Tabellenränge 1 bis 3 für sich vom Präsidium von Hertha BSC gefordert, die aufgrund des lediglich achten Tabellenplatzes in der Vorsaison auch akzeptiert wird. Nachdem tatsächlich die Vizemeisterschaft errungen ist, lädt "Sir" Georg Kessler von dieser Prämie die Spieler mit Begleitung in das "Hotel Berlin" zu einer großen Feier ein, von der die Beteiligten bis zum heutigen Tage ins Schwärmen geraten. 

"Nur Vize“

Fast drei Jahrzehnte später beantwortet Torjäger Erich „Ete“ Beer, der seine beste Zeit als Spieler unter der Regie von "Sir" Georg Kessler erlebt, die Frage, warum es trotz 15 Siegen und zwei Remis in der Festung Olympiastadion als zuhause einzig unbesiegte und beste Heimmannschaft nicht zum ganz großen Wurf gereicht hat, mit den Worten “Ja, da überleg‘ ich heut‘ noch.“ Letztendlich geben die lediglich vier Siege und vier Remis auf fremden Boden den Ausschlag für Borussia Mönchengladbach als neuen Deutschen Meister. Dennoch bleibt es eine historische Saison, die hinsichtlich der Platzierung bis zum heutigen Tage unerreicht ist.

Veröffentlichungsdatum: 14.06.2020
 
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