HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •18.04.1970
#HerthaMuseum (#45)
 


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"Rekordsieg für die Ewigkeit"


Der höchste Sieg von Hertha BSC in der (1.) Fußball-Bundesliga (18.04.1970)


Mitte April 1970 gleicht die Tabelle in der höchsten deutschen Spielklasse vor dem 32. Spieltag aufgrund zahlreicher witterungsbedingter Spielausfälle einem Flickenteppich. Bis auf den Tabellendritten 1. FC Köln und den Tabellenfünften Borussia Dortmund haben alle anderen 16 Mannschaften noch diverse Nachholspiele auszutragen. An der Tabellenspitze scheint sich Borussia Mönchengladbach bei noch vier auszutragenden Spielen und fünf Punkten Vorsprung bereits erstmalig den Titel vor dem Vorjahresmeister FC Bayern München gesichert zu haben. Für die Berliner, die trotz noch zwei zu absolvierender Nachholspiele den vierten Tabellenrang einnehmen, geht es am 18.04.1970 gegen Borussia Dortmund immerhin darum, in der zweiten Saison nach Rückkehr in die Fußball-Bundesliga den prestigeträchtigen dritten Tabellenplatz hinter den beiden besten deutschen Mannschaften der letzten 24 Monate zu erreichen.

Ungleiche Vorzeichen

Während die Berliner unter Trainer Helmut "Fiffi" Kronsbein trotz der Aussicht auf fünf zu bestreitende Bundesliga-Partien innerhalb von lediglich 15 Tagen in Bestbesetzung antreten, ist die Personaldecke bei den Dortmundern dünn. Aufgrund einer im Mai geplanten Mexiko-Reise hat sich die Mannschaft der Borussen einige Tage vor dem Spiel in Berlin einer Pocken-Schutzimpfung unterziehen müssen, die nun wiederum zu Fiebererkrankungen bei einigen Spielern geführt hat. Trainer Hermann Lindemann muss deshalb auf den Einsatz seiner Stammspieler Sigfried „Siggi“ Held, Ferdinand Heidkamp, Willi Neuberger und Reinhold Wosab verzichten. Er sieht die Chancen auf einen Erfolg dadurch erheblich gemindert, hegt mit den Worten „Vielleicht klappt es aber nun umso besser. Wie oft hat man schon erlebt, dass eine ersatzgeschwächte Mannschaft, der man nicht viel zutraute, über sich hinauswuchs und ein großes Spiel machte!“ trotzdem die Hoffnung, etwas Zählbares aus Berlin mitzunehmen.

Geschichte wird gemacht


Drei Tage nach dem 2:1 (1:0) beim FK Pirmasens, der den Einzug in das Achtelfinale um den DFB-Pokal bedeutet, finden bei 12° Celsius und regnerischem Himmel lediglich knapp 23.000 Zuschauer den Weg in das Berliner Olympiastadion, um Hertha BSC im vierten Heimspiel bzw. sechsten Pflichtspiel innerhalb von 18 Tagen zu unterstützen. Die treuen Anhänger müssen ihr Kommen von der ersten bis zur letzten Spielminute jedoch nicht bereuen und bekommen Historisches geboten.

Nicht einmal 60 Sekunden sind seit dem Anpfiff der Partie durch Schiedsrichter Helmut Fritz vergangen, da steht es bereits 1:0 für Hertha BSC. Der Dortmunder Torhüter Klaus Günther greift nach einer harmlos anmutenden Flanke am Ball vorbei, vom Innenpfosten des Dortmunder Gehäuses springt der Ball zu Lorenz „Lenz“ Horr, der mühelos zur frühen Führung für die Gastgeber vollenden kann. Lediglich 120 Sekunden später bringt der soeben bejubelte Torschütze eine Freistoßflanke von der linken Seite in den Dortmunder Strafraum, die Wolfgang Gayer mit einem Kopfball zum 2:0 verwertet. In den folgenden Spielminuten scheitern dann zunächst Franz Brungs, Hans-Joachim Altendorff sowie Jürgen Weber mit ihren Distanzschüssen am Dortmunder Schlussmann, bevor erneut Lorenz „Lenz“ Horr nach einem einen Flankenball von Bernd Patzke per Kopf mit seinem zweiten Torerfolg auf 3:0 erhöht (21.). Fünf Minuten später erzielt auch Wolfgang Gayer seinen zweiten Treffer, als er nach einem von Lorenz „Lenz“ Horr getretenen Freistoß ebenfalls per Kopfball auf 4:0 erhöht. Erst nach einer halben Stunde kommen die Gäste durch Gerd Peehs zu ihrem ersten Torschuss, den Volkmar Groß im Berliner Tor jedoch sicher pariert. Danach prüft Lorenz „Lenz“ Horr auf der anderen Seite den gegnerischen Torwart mit einem Gewaltschuss, bevor Karl-Heinz Ferschl mit seinem Abschluss am Torpfosten scheitert. Acht Minuten vor der Halbzeitpause schließt Franz Brungs einen Alleingang zum 5:0 ab. Kurz vor dem Pausenpfiff vollendet Wolfgang Gayer das halbe Dutzend nach einem von Karl-Heinz Ferschl mit einem schönen Steilpass eingeleiteten Angriff.

Lediglich vier Minuten sind in der zweiten Spielhälfte absolviert, als Torhüter Klaus Günther einen Fernschuss von Uwe Witt nur abklatschen lassen kann und Wolfgang Gayer mit seinem vierten Treffer an diesem Tag auf 7:0 erhöht. Mit diesem Torerfolg ist er der erste Spieler von Hertha BSC, der in einer Bundesliga-Partie vier Tore erzielen kann. Der aus der Abwehr aufgerückte Tasso Wild trägt sich danach in die Torschützenliste ein, als er einen zunächst abgewehrten Torschuss von Wolfgang Weber zum 8:0 verwertet (65.). Tasso Wild ist es auch, der den Gästen durch ein Handspiel im eigenen Strafraum einen Strafstoß und somit die Chance auf einen Ehrentreffer ermöglicht. Dieter Kurrat setzt den Ball jedoch lediglich an den linken Torpfosten, den Nachschuss durch Alfred Kohlhäufl pariert Volkmar Groß im Berliner Tor jedoch großartig. Zehn Minuten vor Abpfiff der Partie gelingt dem für Theodor Rieländer nach der Halbzeitunterbrechung eingewechselten
Jürgen Boduszek dann doch noch der Ehrentreffer. Hermann Bredenfeld, der an diesem historischen Nachmittag ebenfalls seit Beginn der zweiten Spielhälfte für Hans-Joachim Altendorff auf Seiten der Berliner mitwirkt, setzt zwei Minuten vor Spielende den  Schlusspunkt unter den blau-weißen Torreigen zum 9:1 (6:0). 


Nach dem Spiel fasst der Berliner Arno Steffenhagen den glanzvollen Auftritt seiner Mannschaft mit den Worten "Heute werden die Zuschauer wohl mit uns zufrieden gewesen sein" treffend zusammen, während der Dortmunder Torwart Klaus Günther das Debakel seiner Mannschaft sichtlich demoralisiert mit der Aussage "Oft schien es mir, als tanzten 50 Blau-Weiße in meinem Strafraum einen höllischen Reigen" kommentiert.

Die beste Saison der Vereinsgeschichte


Die „Alte Dame“, die bei den 17 Heimspielen mehr als 700.000 Zuschauer im Olympiastadion verzeichnet, feiert nach diesem Kantersieg in den restlichen vier Saisonspielen mit 3:1 (2:0) gegen den VfB Stuttgart, 2:1 (0:0) bei Eintracht Braunschweig und 4:1 (1:1) gegen den SV Werder Bremen noch drei weitere Erfolge und kann sich dadurch erstmalig den dritten Tabellenplatz sichern. Die erreichten 65 Punkte (45 Punkte gemäß der damals gültigen Zwei-Punkte-Regel) aus 20 Siegen (davon 14 Erfolge im Olympiastadion) und fünf Remis bedeuten für Hertha BSC einen bis dato nicht wieder erreichten Höchstwert in der Bel-Etage des deutschen Fußballs.


Das gibt's nur einmal, das kommt (wohl) nicht wieder

Der Rekordsieg gegen Borussia Dortmund ist bis zum heutigen Tage ebenfalls unerreicht, auch wenn Hertha BSC zehneinhalb Jahre später am 17. Spieltag der 2. Bundesliga Nord 1980/1981 mit dem vierfachen Torschützen Thomas Remark mit 8:0 (4:0) über die SG Wattenscheid 09 (08.11.1980) triumphiert. Wie unantastbar die beiden vorgenannten Siege sind, zeigen die nächsthöheren Siege, die jeweils mit einer Sechs-Tore-Differenz gelingen.

In der ersten Hauptrunde um den DFB-Pokal 1975/1976 sind die Berliner mit dem 
vierfachen Torschützen Erich "Ete" Beer mit 7:1 (3:1) bei FV 09 Weinheim (02.08.1975) siegreich. Im deutschen Fußball-Oberhaus erzielt Hertha BSC gleich in drei Partien innerhalb von nur 34 Monaten sechs eigene Treffer ohne einen Gegentreffer hinnehmen zu müssen. Zuerst besiegen die Berliner mit dem vierfachen Torschützen Bart Goor den Hamburger SV mit 6:0 (2:0) am 26. Spieltag der 1. Bundesliga 2001/2002 (10.03.2002), danach folgt ein 6:0 (3:0) gegen den TSV 1860 München am 24. Spieltag der 1. Bundesliga 2002/2003 (08.03.2002), bevor man Borussia Mönchengladbach mit 6:0 (1:0) am 16. Spieltag der 1. Bundeliga 2004/2005 (04.12.2004) besiegt.

In der zweithöchsten deutschen Spielklasse machen die Berliner das halbe Dutzend ohne Gegentreffer beim OSV Hannover mit 6:0 (4:0) am 27. Spieltag (Nachholspiel) der 2. Bundesliga Nord 1980/1981 (30.05.1981) sowie bei der Spielvereinigung Bayreuth mit 6:0 (2:0) am 36. Spieltag der 2. Bundesliga 1981/1982 (15.05.1982) voll. Auch im deutschen Pokalwettbewerb setzt sich Hertha BSC zweimal mit diesem Ergebnis durch. In der ersten Hauptrunde um den DFB-Pokal 1972/1973 beim 6:0 (3:0) beim OSV
 Hannover (10.12.1972) sowie ebenfalls in der ersten Hauptrunde um den DFB-Pokal 1983/1984 mit 6:0 (4:0) beim FC 08 Homburg (27.08.1983).

Veröffentlichungsdatum: 18.04.2020
 
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