HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •18.05.1965
#HerthaMuseum (#46)
 


#HerthaMuseum (#46)



"Abstieg nach 
Klassenerhalt"

Hertha BSC wird am grünen Tisch in die Regionalliga zurückgestuft (18.05.1965)


Am 29. und vorletzten Spieltag sichert Kurt „Kutti“ Schulz mit seinem von knapp 30.0000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion umjubelten 1:1-Ausgleichstreffer kurz vor Spielende gegen Borussia Neunkirchen den noch benötigten Punkt, der für Hertha BSC nach dem Trainerwechsel von Josef „Jupp" Schneider zu Gerhard Schulte und einem wochenlangen Abstiegskampf den sportlichen Verbleib in der Bundesliga bedeutet. Doch bereits die Schlagzeile „Hertha-Elf hielt Bundesliga – Nun kommt die Anklage“ der Fußball-Woche liefert einen Vorgeschmack, was Fußball-Deutschland in den kommenden Wochen in Atem halten wird.

Der Auslöser


Auf einer von Präsident Siegfried Schmidt für den 11.02.1965 einberufenen außerordentlichen Mitgliederversammlung kommt es zu einem Eklat, als Journalist und Vereinsmitglied Willi Knecht einen Misstrauensantrag gegen den geschäftsführenden Vorstand um Siegfried Schmidt, Vize-Präsident & Spielausschuss-Obmann Wolfgang Holst und Schatzmeister Günter Herzog stellt. Im Laufe des Abends trifft Günter Herzog in seiner Bilanzrede dann eine folgenschwere Aussage. Mit den Worten „Ich darf hier im Interesse des Vereins nicht alles sagen, würde ich es tun, würde Hertha BSC nicht mehr bestehen“, macht er den Deutschen Fußball-Bund auf mögliche Unregelmäßigkeiten beim Berliner Bundesligisten aufmerksam.

Bevor Alterspräsident Wilhelm Wernicke die turbulente Veranstaltung beendet, wird dem Vorstand mit 203 Stimmen das Vertrauen entzogen. Karl Tewes ruft als Vorsitzender des Ältestenrats daraufhin sein Gremium zusammen und bildet für die führungslosen Blau-Weißen einen Notvorstand. Vereinslegende Johannes „Hanne“ Sobek soll mit seinem untadeligen Ruf den zu erwartenden Schaden für Hertha BSC abwenden. Ihm zur Seite stellt der Ältestenrat die gerade erst abgewählten Wolfgang Holst und Günter Herzog und übernimmt für dieses überraschende Vorgehen die alleinige Verantwortung.

Besuch vom DFB


Am 26.02.1965 erscheint der vom DFB-Kontrollausschuss-Vorsitzenden Dr. Hubert Claessen entsandte Wirtschaftsprüfer Dr. Ziegler unangekündigt auf der Geschäftsstelle von Hertha BSC, um eine Buchprüfung bei den Berlinern vorzunehmen. Zur gleichen Zeit treffen sich Dr. Hubert Claessen, Johannes „Hanne“ Sobek & Günter Herzog, der Berliner Verbandspräsident Paul Rusch, sein Vize-Präsident & Mitglied im DFB-Kontrollausschuss Richard Genthe zu einer Sitzung in der VBB-Geschäftsstelle. Nach einer fast siebenstündigen Sitzung wird zunächst ein Stillschweigen vereinbart, um die Ergebnisse der Buchprüfung abzuwarten und dem Tabellenletzten in den letzten acht Bundesliga-Saisonspielen die notwendige Ruhe zu gewähren.

Die Verhandlung


Nachdem Hertha BSC am 10.05.1965 die Antrags- und Anschuldigungsschrift vom Deutschen Fußball-Bund zugestellt worden ist, findet drei Tage nach Saisonende die bundesweit viel beachtete Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht in einem Hotel in Frankfurt am Main statt. Dr. Ziegler, der sowohl am 17.04.1963 nach einer Anzeige von Tasmania 1900 wegen mutmaßlich irreführender Bilanzangaben im Zuge der Bewerbung zur Lizenzerteilung als auch bei einer Prüfung am 26.10.1964 zunächst keine Vergehen bei Hertha BSC ausmacht, stellt nach der dritten Prüfung einen Fehlbetrag von 192.000 DM fest.

Die Berliner, die durch die beiden Rechtsanwälte Dr. Paul Ronge und Manfred Block sowie Notvorstand Johannes „Hanne“ Sobek vertreten werden, präsentieren zunächst ein Zahlenwerk, welches die Fehlsumme mit früheren Ablösezahlungen an Berliner Vereine der Vertragsliga erklärt. Die Verantwortlichen erhoffen sich dadurch eine Straffreiheit, da der DFB im Sommer 1963 eine Generalamnestie bezüglich der Unregelmäßigkeiten in den bundesdeutschen Oberligen ausgesprochen hat. Im Verlauf der Verhandlung kommt allerdings zutage, dass Hertha BSC vor den Bundesliga-Spielzeiten 1964 & 1965 in mehreren Fällen unzulässig hohe Gehälter und Handgelder angeboten und gezahlt hat, um konkurrenzfähige Spieler aus Westdeutschland in die abgeschnittene und geteilte Stadt Berlin zu locken.

Urteil & Berufung

Kurt Ott, der als stellvertretender Vorsitzende des DFB-Kontrollausschusses die Anklage führt, fordert den Lizenzentzug für die Berliner, der den Gang in die Berliner Amateurliga nach sich ziehen würde. Nach der über neunstündigen Verhandlung folgt das vierköpfige DFB-Sportgericht dieser Forderung jedoch nicht. Am 18.05.1965 wird Hertha BSC gemäß Urteil, Nummer 60/64/65 wegen fortgesetzter Verstöße gegen das Vertragsspieler- und Bundesligastatut mit dem Ausschluss aus der Bundesliga und der Zurückstufung in die nächste niedrigere Spielklasse (Regionalliga) bestraft. Zudem wird der ehemalige erste Vorsitzende Siegfried Schmidt mit einem zweijährigen Amtsverbot und einer Geldstrafe von 2.000 DM belegt.

Dieses Strafmaß liegt weit unter der Forderung der Anklagevertretung nach einem Ausschluss aus dem DFB und einer Strafzahlung von 10.000 DM. Johannes „Hanne“ Sobek, der nach dem Bundesliga-Ausschluss den Tränen nahe ist, kündigt unverzüglich die Berufung an. Nach Eingang des 16-seitigen Berufungsschreibens vom 10.06.1965, bestätigt das DFB-Bundesgericht in Düsseldorf jedoch zehn Tage später das erstinstanzliche und damit rechtskräftige Urteil.

Der unerhörte Knall


Drei Tage danach präsentieren Wolfgang Holst und Günter Herzog in einer von Heinz Deutschendorf vom Sender Freies Berlin (SFB) initiierten Fernsehsendung detaillierte Ausführungen zu überhöhten Forderungen von Spielern und Spielervermittlern sowie unzulässig hohen Zahlungen bei der Bundesliga-Konkurrenz. Der Deutsche Fußball-Bund erhebt in keinem der darlegten Fälle eine Anklage. Die beschuldigten Vereine zeigen sich zwar empört, verhalten sich aus gutem Grund jedoch zurückhaltend. Am Schicksal der Blau-Weißen ändert das nichts, denn auch das als letzte Hoffnung auf den Bundesliga-Verbleib eingereichte 13-seitige Gnadengesuch vom 25.06.1965 wird vom Deutschen Fußball-Bund abgelehnt.

Am 31.07.1965 beschließt der 56. Bundestag des DFB in Barsinghausen unter Berücksichtigung der beiden Aufsteiger Bayern München und Borussia Mönchengladbach, der Forderung der beiden sportlichen Absteiger Karlsruher SC und Schalke 04 zum Verbleib in der Bundesliga sowie der Aufnahme von Tasmania 1900 als Berliner Vertreter, die Aufstockung der Bundesliga auf 18 Vereine. Auch die seit Einführung der Bundesliga geltenden, aber den Anforderungen der Bundesliga nicht entsprechenden finanziellen Vorgaben bei Spielerverpflichtungen, die zuvor auch von zahlreichen anderen Vereinen unterlaufen werden, erfahren eine zeitgemäße Anpassung nach oben.

Eine dreijährige Ewigkeit


Obwohl Hertha BSC in den 90 Spielen der folgenden drei Spielzeiten mit insgesamt 83 Siegen und vier Remis jeweils unangefochten Berliner Titelträger in der Regionalliga Berlin wird, schaffen die Blau-Weißen unter Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein erst im dritten Anlauf in der Aufstiegsrunde 1968 die in West-Berlin überschwänglich gefeierte Rückkehr in das deutsche Fußball-Oberhaus.


Veröffentlichungsdatum: 18.05.2020

 
  Es waren schon 273121 Besucher hier!  
 
-->