HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •22.06.1930
#HerthaMuseum (#05)
 


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Hertha BSC gewinnt gegen die Kieler Sportvereinigung Holstein 1900 und erringt im fünften Anlauf erstmalig die Viktoria (22.06.1930)


Am Samstag, den 22.06.1930 erwarten 40.000 Zuschauer bei hochsommerlichen Temperaturen um die 40°C im Glutkessel des Düsseldorfer Rheinstadions den Anpfiff des Endspiels um die 23. Deutsche Fußball-Meisterschaft. Etwa 100 Anhänger begleiten die Berliner Hertha bei dem Versuch, im fünften Anlauf seit 1926 endlich die begehrte Trophäe Viktoria, die dem Deutschen Meister seit 1903 verliehen wird, für die blau-weißen Farben in die Hauptstadt zu holen.

Für die Blau-Weißen, die nach 16 Siegen & 1 Remis & 1 Niederlage mit 33:3 Punkten bei 103:27 Toren mit fünf Punkten Vorsprung die Staffel A der VBB-Oberliga für sich entscheiden und sich mit zwei Siegen mit 3:1 (0:1) & 2:0 (2:0) gegen Tennis Borussia Berlin (Sieger der Staffel A) die Meisterschaft des VBB (Verband Brandenburgischer Ballspielvereine) sichern, ist der Weg zum ersten deutschen Meistertitel in der Vereinsgeschichte allerdings zunächst beschwerlich.

Nach einem 3:2 (2:2) gegen die Beuthener SuSV im Achtelfinale, gelingt der Mannschaft im Viertelfinale nach einem 1:1 (1:1, 1:1, 1:0) nach Verlängerung bei der Spielvereinigung Köln-Sülz 09 erst durch ein überzeugendes 8:1 (4:0) im notwendig gewordenen Wiederholungsspiel gegen die Rheinländer im Poststadion in Berlin der Einzug in das Halbfinale. Hier wird der 1. FC Nürnberg eindrucksvoll mit 6:3 (3:3) in Leipzig besiegt und gilt nun gegen die eher überraschend im Endspiel stehende Elf von Holstein Kiel, die zuvor den VfB Leipzig sowie die beiden höher eingeschätzen Mannschaften von Eintracht Frankfurt und des Dresdner SC ausgeschaltet haben, als Favorit auf den Gewinn der 23. Deutschen Meisterschaft.


Aber bereits in den Anfangsminuten gerät Hertha BSC gegen den vermeintlichen Außenseiter, dem deshalb die Sympathien des fast gesamten Publikums gehören, nach Toren von Werner Widmayer (4.) und Oskar Ritter (8.) mit 0:2 gegen den Deutscher Meister von 1912 in Rückstand. Nachdem Holstein Kiel eine große Chance zum mutmaßlich vorentscheidenen 3:0 nicht verwerten kann, gleicht Johannes „Hanne“ Sobek mit einem Doppelschlag (22./26.) für die Spreeathener aus, bevor Johannes Ludwig (29.) seine nächste Möglichkeit nutzt und die Rothemden fast postwendend erneut in Führung bringt.

Nach verstärkten Angriffsbemühungen erzwingt Mittelstürmer Bruno „Tute“ Lehmann (36.) noch vor der Halbzeitpause den Ausgleich, bevor er die Herthaner mit seinem zweiten Treffer (68.) erstmals auf die Siegerstraße zu bringen scheint. Unsere Mannschaft ist dem 5:3 nun näher als die Kieler dem Ausgleich, doch dann sorgt eine höchst umstrittene Entscheidung des Essener Schiedsrichters Willi Guyenz zehn Minuten vor Spielende dafür, dass sich die 40.000 zumeist rheinischen Zuschauer nun endgültig gegen den Berlin-Brandenburger Meister wenden und sich auf die Seite des auserkorenen Außenseiters schlagen. Der Kieler Mittelstürmer Johannes Ludwig reklamiert eine Freistoßentscheidung, die der Schiedsrichter zu Gunsten von Hertha BSC trifft, obwohl augenscheinlich der Berliner Ernst Müller das Foulspiel begeht.

Willi Guyenz quittiert das verständlich aufgebrachte Verhalten des Kielers kurzerhand mit einem Platzverweis, der daraufhin weinend und nur mit Mühe von seinem Trainer Karl Heinlein vom Platz in die Kabine geführt werden kann. Ab diesem Moment schlägt der Mannschaft von Hertha BSC ohne eigenes Verschulden bei jeder Aktion der lautstarke Unmut der Zuschauer - der zwischenzeitlich sogar den Einsatz von berittener Polizei bedingt - entgegen, während die Angriffe der Kieler „Störche“ dagegen frenetisch gefeiert werden. Und tatsächlich erzielt Holstein Kiel durch Oskar Ritter (82.) in Unterzahl den durch die Zuschauer ohrenbetäubend gefeierten Ausgleichstreffer.




Die von Sportwart "Kaiser Karl" Tewes, Trainer Heinrich "Heini" Schuldt (der die Mannschaft im Januar 1930 von Richard Girulatis nach dessen Ausscheiden zum 31.12.1929 übernommen hat) und Mannschaftsarzt Dr. Hermann Horwitz sowie durch wertvolle Erfahrungen der vorangegangenen vier Endspiel-Teilnahmen für diese Partie optimal vorbereitete Berliner Elf, übernimmt gegen die zunehmend physisch nachlassenden Norddeutschen nun erneut die Initiative und drängt auf eine Entscheidung in der regulären Spielzeit. Wenige Minuten vor Spielende überwindet Hans „Hanne“ Ruch (87.) mit einem glücklich einzustufenden Fernschuss den Kieler Schlussmann Dr. Alfred Kramer zum von den Hertha-Anhängern viel umjubelten Führungstreffer, dem der Gegner bis zum Schlusspfiff nichts Zählbares mehr entgegenzusetzen vermag.




Und so schallt der bekannte Berliner Schlachtruf „Ha-Ho-He, Hertha BSC!“ der zahlenmäßig deutlich unterlegenen blau-weißen Schlachtenbummler über das weite Stadionrund. Die Sportzeitung "Der Kicker" wertet diese Partie, die Hertha BSC verdient für sich entscheidet, als „eines der schönsten Endspiele“. Für die siegreichen Hertha-Spieler bleibt jedoch auch der ungerechte Zorn des Düsseldorfer Publikums in Erinnerung. So berichtet Johannes „Hanne“ Sobek ein Vierteljahrhundert später: „Wir sahen unsere sehnlichsten Wünsche erfüllt – und dennoch unendlich verbittert. Niemals, in keiner ausländischen oder deutschen Stadt, in keinem deutschen Meisterschaftsspiel der hinter uns liegenden Jahre fühlten wir uns derart ungerecht und fast wie Verbrecher behandelt wie im Düsseldorfer Rheinstadion“.




Versöhnlich stimmt die Haltung der unterlegenen Kieler, die als erste den siegreichen Herthanern gratulieren und sich als echte Sportsleute in einer großartigen Geste sogar für ein gemeinsames Foto mit dem erstmaligen Deutschen Meister präsentieren – gekrönt lediglich von dem euphorischen und herzlichen Empfang der Menschenmassen in der Heimatstadt Berlin.

Die Mannschaft von Hertha BSC vom 22.06.1930:

Paul Gehlhaar, Rudolf "Rudi" Wilhelm, Willi "Bubi" Völker, Otto Leuschner, Ernst Müller, Herbert Radecke, Hans "Hanne" Ruch, Johannes "Hanne" Sobek, Bruno "Tute" Lehmann, Willi Kirsei und Hermann Hahn

Veröffentlichungsdatum: 22.06.2018

 
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