HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •27.01.1990
#HerthaMuseum (#36)
 

#HerthaMuseum (#36)

 
Ein Berliner Fußballfest ohne Stacheldraht
 
79 Tage nachdem Günter Schabowski, Sekretär für Informationswesen der DDR, auf einer Pressekonferenz am 9. November 1989 mit den Worten „Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen“ die Berliner Mauer quasi zu Fall gebracht hat, kommen die beiden populärsten Berliner Vereine für ein „Wiedervereinigungsspiel“ zusammen.

Deutsch-deutsches Fußballfest

Die Eintrittskarten kosten aufgrund des finanziellen Engaments von drei Post-Unternehmen lediglich 5 West- bzw. Ostmark, so dass 51.270 zahlende Fußball-Fans, davon nahezu 35.000 Bürger aus der DDR, der Begegnung im Berliner Olympiastadion am 27. Januar 1990 einen würdigen Rahmen verleihen.


Lediglich wenige Tage nach dem Trainingsstart der beiden Zweitligisten sind die Erwartungen der Trainer Werner von Fuchs (Hertha BSC) und Karsten Heine (1. FC Union Berlin) aus sportlicher Sicht folgerichtig nicht überzogen, zumal an diesem Nachmittag eindeutig der freundschaftliche und wiedervereinende Charakter dieser Partie im Vordergrund steht. 


Es ist ein wunderbares Bild, als die beiden Mannschaftskapitäne Dirk Greiser und Otto Seier gemeinsam das Spielfeld betreten und und Arm in Arm freudestrahlend in die Kameras der Fotografen blicken.


Das Spiel

Für einen Spieler der Blau-Weißen ist diese Partie etwas ganz Besonderes, denn der in Wolgast geborene Axel Kruse trägt erstmalig das Trikot der Blau-Weißen. Der in Wolgast geborene und im Juli 1989 bei einem Freundschaftsspiel in Kopenhagen über Hamburg nach Berlin geflüchtete Mittelstürmer war zuvor bis Jahresende für Pflichtspiele von Hertha BSC noch nicht spielberechtigt.

Im ersten Spiel des neuen Jahrzehnts markiert der 22-jährige Axel Kruse in der 13. Spielminute nach einem von Thorsten Gowitzke raffiniert getretenen und zunächst von Torhüter Henryk Lihsa parierten Freistoß per Abstauber den Führungstreffer für die „Alte Dame“. 
Bereits zwölf Minuten später überwindet André Sirocks mit einem herrlichen Fernschuss aus 20 Metern Hertha-Schlussmann Walter Junghans zum Ausgleich für für die Unioner, der von den Fans beider Mannschaften, die sich schon vor dem Anpfiff verbrüdert hatten, gleichsam bejubelt wird.

Lediglich 60 Sekunden nach Beginn der zweiten Spielhälfte verpasst Theo Gries die Führung für Hertha BSC als er mit einer Doppelchance zunächst mit einem Torschuss aus 20 Metern am linken Torpfosten scheitert und den Abpraller danach knapp am rechten Torpfosten vorbeischießt. 
Danach verflacht die Partie etwas, die Zuschauer müssen bis acht Minuten vor Spielende warten, ehe Dirk Greiser aus 22 Metern mit einem fulminaten Drop-Kick in den rechten Torwinkel den Endstand in dieser denkwürdigen Begegnung herstellt. 

Nach dem Abpfiff sind sich beide Trainer einig, dass das Resultat eine untergeordnete Rolle spielt. Union-Trainer Karsten Heine meint: „Kein Zuschauer musste sein Kommen bereuen“, während Werner Fuchs auf Seiten der Blau-Weißen konstatiert: „Wille, Einsatz und Laufbereitschaft waren auf beiden Seiten hervorragend.“

Otto Seier, der Mannschaftskapitän des 1. FC Union, fasst nach dem Spiel für beide Mannschaften dann auch zutreffend zusammen „Ich möchte erstmal unserem Gegner herzlichen Glückwunsch aussprechen. Sie haben ebenfalls wie wir zu einem hervorragenden Fußballspiel beigetragen. Wir sind in der Vorbereitung und zum Ende hat es vielleicht doch kräftemäßig nicht gereicht, aber rundherum eine hervorragende, optimale Sache.“
 
Damals und heute

Dieses Spiel bildet historisch betrachtet den Abschluss einer jahrzehntelang schmerzlich empfundenen Trennung, die von emotionalen Gefühlen, wie „Freunde hinter Stacheldraht“, „Hertha und Union – eine Nation“, „Es gibt nur zwei Meister an der Spree – Union und Hertha BSC“ und Wir halten zusammen wie der Wind und das Meer – die blau-weiße Hertha und der FC Union“ geprägt war.

In der Hauptstadt ist aus der damaligen engen Freundschaft zwischen den älteren Fan-Generationen von Hertha BSC und dem 1. FC Union bei den jüngeren Fan-Generationen eine Nachbarschaft geworden. Eine Nachbarschaft von zwei unterschiedlichen Berliner Traditionsvereinen im deutschen Fußball-Oberhaus, die bei aller sportlichen Konkurrenz den gegenseitigen Respekt für das in den vergangenen 30 Jahren jeweils Geleistete und Erreichte verdienen.

Veröffentlichungsdatum: 01.11.2019
 
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