HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •April+Mai 1965
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Leipziger Allerlei

In der Saison 1964/1965 nimmt Hertha BSC erstmalig an der vierten Ausgabe des „International Football Cup“ teil. Dieser Wettbewerb, der nach dessen Initiator Karl Rappan auch „Rappan-Cup“ bzw. Intertoto-Cup genannt wird, ermöglicht es auch anderen europäischen Mannschaften, die weder in den Landesmeister- noch in den Pokalsieger-Wettbewerben vertreten sind, Begegnungen auf internationaler Bühne auszutragen.

Vor genau 54 Jahren kommt es in diesem Wettbewerb zu den beiden ersten deutsch-deutschen Duellen von Hertha BSC gegen den SC Leipzig nach der Errichtung der Berliner Mauer.

Die Gruppenphase

Hertha BSC findet sich in dem bereits im Mai 1964 mit 44 Mannschaften beginnenden Wettbewerb in einer von elf Gruppen mit dem FC Lausanne-Sport (Schweiz), Standard Lüttich (Belgien) und Feyenoord Rotterdam (Niederlande) wieder.

Nach einer Auftakt-Niederlage in Belgien verbuchen die Gesundbrunner, die alle Vorrundenspiele auf dem Hertha-Platz an der Plumpe austragen, nach zwei Siegen und drei Remis den Gruppensieg der noch vor dem Bundesliga-Start der Saison 1964/1965 endenden Vorrunde.

Freilos und Viertelfinale

Mit einem Freilos in der 1. Runde erreichen die Blau-Weißen die beiden Viertelfinalpartien gegen die tschechislowakische Mannschaft von Slovan Bratislava. Ende November 1964 gewinnt Hertha BSC vor etwas mehr als 3.000 Zuschauern im Poststadion durch drei Treffer von Hans-Joachim „Atze“ Altendorff und einem Doppelpack von Michael Krampitz deutlich mit 5:0 (4:0), so dass die Niederlage mit 0:2 (0:1) im erst Ende März 1965 stattfindenden Rückspiel nicht ins Gewicht fällt und der Einzug in die Vorschlußrunde gesichert ist.

Deutsch-deutsches Halbfinale

Die Auslosung beschert den West-Berlinern die Elite-Mannschaft des SC Leipzig als Gegner für die beiden Semifinalspiele. Nach 1956, als Lokomotive Leipzig die letzte Fußballmannschaft aus der sogenannten Zone zu Gast bei Hertha BSC am Gesundbrunnen ist, begrüßt Hertha BSC 1.353 Tage nach Errichtung der Berliner Mauer eine Mannschaft aus der DDR im Berliner Olympiastadion. Das „Berliner Fußball-Programm“ vom 27.04.1965 überschreibt diese Begegnung dann auch emotional mit „Über dieses Spiel freut sich ganz Deutschland“.

Für Hertha BSC kommen die beiden Spieltermine allerdings nicht unbedingt gelegen, da sich die Mannschaft mit noch drei auszutragenden Bundesliga-Spielen inmitten der entscheidenden Phase um den Klassenerhalt befindet. Der aktuelle Tabellendritte der DDR-Oberliga kann sich hingegen vollends auf diese beiden prestigeträchtigen Duelle konzentrieren, denn die nationale Meisterschaft ruht seit zweieinhalb Wochen wegen der Vorbereitungen der Nationalmannschaft für die anstehenden Qualifikationsspiele zur Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England.

12.274 zahlende Zuschauer werden Zeuge einer überlegenen Darbietung des Gastes, deren Mannschaft mit Torwart Horst Weigang und den beiden Gewinnern der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio, Verteidiger Manfred Geisler und Mittelstürmer Henning Frenzel gleich drei Auswahlspieler aufzubieten hat.

Als der Leipziger Arno Zerbe verletzungsbedingt das Spielfeld verlassen muss, kann Uwe Klimaschefski die Halbzeitführung durch Dieter Engelhardt zwar noch ausgleichen, doch die aufgrund des bereits ausgeschöpften Auswechselkontingents nun lediglich mit neun Feldspielern agierenden Leipziger sorgen in der letzten Viertelstunde durch Hans-Jürgen Naumann mit zwei Treffern und Hennig Frenzel für einen deutlichen Auswärtssieg.

Der Besuch in Leipzig

Lediglich drei Tage später wird deutlich, wo die Priorität von Hertha BSC in diesen Tagen liegt, denn mit einem knappen 1:0 (0:0) beim Tabellenletzten Karlsruher SC kann die Mannschaft von Trainer Gerhard Schulte zwei Spieltage vor Ende der Saison den Vorsprung auf die Abstiegsränge auf vier Punkte ausbauen. Entsprechend gelöst begeben sich die Spieler in Festtagskleidung in schwarzen Mercedes-Fahrzeugen auf die zweistündige Autofahrt nach Leipzig.

Aber auch zahlreiche Freunde und Anhänger aus dem Ostteil der Stadt, die mitunter lediglich fünf Minuten und doch so weit vom „Hertha-Platz“ wohnen, machen sich auf den Weg in die Messestadt, um ihre Hertha spielen zu sehen. In Leipzig gibt es ein emotionales Wiedersehen zwischen der Mannschaft und Klaus Taube, von 1951 Vereinsmitglied und bis zum Tage des Mauerbaus ein fester Bestandteil der Hertha-Mannschaft, der erst nach Erklärung seines Vereinsaustritts in der DDR überhaupt weiter Fussballspielen darf.

Auch wenn das Ergebnis des Hinspiels praktisch schon die Vorentscheidung um den Einzug in die beiden Endspiele bedeutet, genießt diese Begenung höchste Bedeutung, denn nur die Chance des Gastgebers auf den Einzug in die beiden Endspiele und die Angst vor Konsequenzen durch die UEFA bei einem Verzicht auf dieses Spiel, ermöglicht Hertha BSC diesen Auftritt hinter dem „eisernen Vorhang“.

Am 05.05.1965 finden 35.000 Fußballfreunde den Weg in das auf Trümmerschutt des Zweiten Weltkrieges errichtete und 1956 eröffnete Leipziger Zentralstadion - mit einem Fassungsvermögen von 100.000 Zuschauern zudem das größte Stadion auf gesamtdeutschem Boden.

Aber auch in dieser Partie können sich die Blau-Weißen nach der mentalen und physischen Beanspruchung im Kampf um den Verbleib in der höchsten bundesdeutschen Spielklasse nicht entscheidend durchsetzen und unterliegen durch drei Tore von Dieter Engelhardt sowie einem Treffer von Karl Drößler mit 0:4 (0:1).

Der Ausklang

Hertha BSC sichert sich drei Tage nach dem Spiel in Leipzig durch einen sehr späten Ausgleichstreffer in der vorletzten Spielminute gegen Borussia Neunkirchen im Berliner Olympiastadion den sportlichen Klassenerhalt in der Fußball-Bundesliga, der allerdings am 18.05.1965 durch ein Urteil des Deutschen Fußball-Bundes aufgrund von unerlaubten Handgeldzahlungen in den sehr umstrittenen Zwangsabstieg umgewandelt wird.

Dem SC Leipzig bleibt der Triumph im Intertoto-Cup trotz eines 3:0 im Hinspiel nach einem 1:5 im Rückspiel beim polnischen Vertreter Polonia Beuthen verwehrt.

Nach jahrelangen Bemühungen trifft Hertha BSC erst 13 Jahre später wieder auf eine Mannschaft aus der DDR. Im April 1978 kommt es zu einem „Internationalen Fußballvergleich“ bei Dynamo Dresden. 13 Monate später folgt der Gegenbesuch des bis dahin DDR-Rekordmeisters zu einem seitens der Berliner deklarierten „Freundschaftsspiel“ im Berliner Olympiastadion.

Veröffentlichungsdatum: 29.04.2019

 
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