HERTHA BSC MUSEUM 1892
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Blau-weiße Heimat - das „Hertha BSC Domizil“

78 Jahre nach der Vereinsgründung fehlt Hertha BSC ein Treffpunkt, an dem die blau-weiße Familie zusammenkommen kann. Deshalb will der Verein, der neben dem vielschichtigen Fußballbetrieb und den Abteilungen Boxen, Eissport, Kegeln und Tischtennis auch eine Gesangsabteilung beheimatet, endlich ein gemeinsames Zuhause für Verantwortliche und Anhänger schaffen.

Gemeinsam statt einsam


Gerhard Bautz, seit Oktober 1968 der 1. Vorsitzende von Hertha BSC, spricht zu dieser Zeit von einem „relativ sterilen“ Vereinsleben. Die Hertha-Gemeinschaft ist nach außen lediglich bei den Spielen der Bundesliga-Mannschaft sichtbar, während die anderen Abteilungen an verschiedenen Orten tagen und jeweils in einem kleinen Kreis ein Eigenleben führen. Ein gemeinsames geselliges Zusammensein unabhängig der Abteilungszugehörigkeit ist nicht gegeben. Am 10. November 1970 wird der Grundstein gelegt, dass dieser Zustand bald der Vergangenheit angehört. Gerhard Bautz unterzeichnet mit dem Bezirksamt Wedding als Eigentümer des Grundstücks und des im Jahre 1924 errichteten Gebäudes einen Kaufvertrag, der Hertha BSC zum Besitzer des gegenüber des Hertha-Platzes an der Jülicher Straße, Ecke Behmstraße gelegenen Norden-Nordwest-Kasinos macht. Der als Direktor der Schultheiss-Brauerei in Berlin-Neukölln sehr erfahrene Kaufmann geht von einem kostenneutralen Vorhaben aus. Bei einem Mietpreis von rund 1.500,00 DM und der Ersparnis der Mietkosten für die bisherigen Räumlichkeiten in der Utrechter Straße, die bisher als Kasino und für die Buchhaltung dienten, soll sich der Kaufpreis von 45.000,00 DM über monatliche Pachteinnahmen von mindestens 2.000,00 DM innerhalb der zunächst vereinbarten Mietdauer von fünf Jahren amortisieren.


Mit Herz und Hand


Da Hertha BSC bereits für die Renovierung des Hertha-Platzes inklusive neuer Drainage mit Ausgaben von 300.000,00 DM zu rechnen hat, ruft der Verein zur Mithilfe bei der notwendigen Neugestaltung und Einrichtung des Domizils auf. Dieser Appell als Symbol einer gemeinsamen Vereinstätigkeit richtet sich beispielsweise an Handwerksfirmen, die die Räumlichkeiten renovieren und an Mitglieder, die einen monetären Beitrag für das Mobiliar leisten oder dieses anschaffen. Der Vereinsvorstand geht mit gutem Beispiel voran und beschließt eine Eigenbeteiligung. Kurt Timm stiftet den Vorstandstisch, die anderen Mitglieder des höchsten Vereinsgremiums tragen jeweils die Kosten für die Sitzmöbel im repräsentativen Vorstandszimmer. Letztendlich belaufen sich die Kosten für die Renovierung und Einrichtung auf 200.000,00 DM, wobei die Hälfte dieser Ausgaben durch Werbeeinahmen aufgebracht wird.


Die Eröffnung


Neun Monate nach Unterzeichnung des Kaufvertrages wird das „Hertha BSC Domizil“ bei hochsommerlichen Temperaturen von Gerhard Bautz im Beisein zahlreicher Ehrengäste, darunter der Innensenator und Bürgermeister Kurt Neubauer, Sportsenatorin Ilse Reichel, die beiden Meisterspieler Johannes „Hanne“ Sobek und Rudolf „Rudi“ Wilhelm sowie Helmut „Fiffi“ Kronsbein und der kompletten Lizenzspieler-Mannschaft, am 9. Juli 1971 der Bestimmung übergeben.

Richard Genthe, Ehrenpräsident des VBB (Verband Berliner Ballspielvereine) bringt in einem Schreiben mit den Worten „Endlich hat HERTHA ein eigenes Vereinshaus und zwar an der Stelle, wo vor circa 50 Jahren der Club seine ruhmreiche Vereinsgeschichte – die auch bis zur heutigen Zeit ein Stück unseres Berlins in sich birgt - begann“ seine Anerkennung zum Ausdruck.


Das „Hertha BSC Domizil“ mit seinem einladenden Biergarten ist wahrlich ein Schmuckstück. Ein großzügig gestalteter Gastraum mit Thekenbereich, ein großer Saal für bis zu 150 Personen, eine Kegelbahn, ein Pressezimmer für die Vertreter der Öffentlichkeitsarbeit und weitere Vereinszimmer für Sitzungen der Vereinsausschüsse und -abteilungen, die Büroräume für Geschäftsführer Harry Jakubke, Vereinssekretärin Waltraud Lipka, Buchhalterin Gudrun Rehme, Telefonistin Ruth Dargusch und für den Kartenverkauf verantwortenden Norbert Winkelmann - die Räumlichkeiten mit der rundum behaglichen Atmosphäre lassen keine Wünsche offen.


Obwohl die Bundesliga-Spiele von Hertha BSC im Olympiastadion ausgetragen werden, ist das „Hertha BSC Domizil“ der Treffpunkt für die Hertha-Familie, zumal auf dem „Hertha-Platz“ immer noch Trainingseinheiten stattfinden und die Spiele im Intertoto-Cup sowie zahlreiche freundschaftliche Begegnungen ausgetragen werden. Anfang September 1974 findet hier das letzte Spiel gegen den FC Antwerpen statt, denn aufgrund des Manipulationsskandals in der Fußball-Bundesliga und der dadurch drastisch gesunkenen Einnahmen, ist der Verkauf der „Plumpe“ - wie der „Hertha-Platz“ im Volksmund genannt wird – unumgänglich geworden. Der schmerzliche Verlust des eigenen und Ende 1974 abgerissenen Vereinsgeländes hat in der Folge auch Auswirkungen auf das „Hertha BSC Domizil“. Während das Herz des Vereins, die gesamte Amateur-Fußballabteilung sowie alle anderen Abteilungen im Gesundbrunnen verbleiben, zieht die Geschäftsstelle mit der Lizenzspieler-Abteilung nach Charlottenburg in eine Villa in der Pommernallee unweit des Theodor-Heuss-Platzes.


Vize-Präsident Dr. Dietrich Cassau kommentiert im Sommer 1975 diesen Schritt mit den Worten: “Somit haben wir ein Bein in dem Bezirk Berlins und in der Nähe der Sportstätte, wo wir hoffentlich zukünftig weitere große Erfolge erringen werden. Womit ich nicht deutlich machen will, dass wir die Absicht haben, ein mehr oder weniger vornehmer Charlottenburger Club zu werden, aber doch unser fernes Ziel zu erkennen geben möchte, aus Hertha BSC – dem Verein von der „Plumpe“ oder „den Gesundbrunnern“ – einen Gesamtberliner Sportverein zu machen, der er ja eigentlich auch ist.“


Ehemals Domizil – heute Hostel


Im Oktober 2010 wird das seit vielen Jahren leerstehende und verfallene ehemalige Vereinsdomizil der Blau-Weißen von dem einzigen Interessenten ersteigert. In den folgenden vier Jahren wird das Gebäude, für das mittlerweile der Denkmalschutz aufgehoben ist, renoviert und Anfang 2015 als Beherbungsbetrieb wiedereröffnet. Zum Erstaunen der Betreiber schauen am Tag der Eröffnung viele Fußball-Fans vorbei. In einem Interview mit einer Berliner Tageszeitung berichtet die Geschäftsführerin: „
Wir haben von Hertha BSC nicht viel in unserem Hostel angebracht, aber die Geschichten laufen quasi durch unser Cafè“. Diesen treffenden Worten ist nichts hinzuzufügen. 

Veröffentlichungsdatum: 28.02.2020
 
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