HERTHA BSC MUSEUM 1892
  Hertha BSC •Gelsenkirchen
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Die Geburtsstunde einer einseitigen Rivalität


In der Saison 1971/1972 wird der DFB-Pokal-Wettbewerb erstmalig in einem Hin- und Rückspiel ausgetragen. Gleich in der ersten Runde kommt es für Hertha BSC zu einem Duell mit den Königsblauen aus Gelsenkirchen. Nach einer 1:3-Niederlage im Hinspiel in der Glückauf-Kampfbahn am 04.12.1971, erwarten die Herthaner elf Tage später die Gäste zum Rückspiel im Berliner Olympiastadion.

Der Fall Zoltán Varga

In der Folge der Spielmanipulationen der Saison 1970/1971, an dem u.a. zahlreiche Spieler von beiden Mannschaften beteiligt sind, werden die Berliner Spieler Zoltán Varga und László Gergely am 12.11.1971 mit einer Vorsperre belegt, da beide Spieler zuvor auf Anraten ihres ehemaligen Rechtsanwaltes Roos nicht vor dem DFB-Kontrollausschuss erschienen sind.

Beide Spieler legen über ihren neuen Rechtsanwalt Horst Sandner Widerspruch ein, nach weiteren sportgerichtlichen Auseinandersetzungen wird die Vorsperre von László Gergely aufgehoben. Die Vorsperre von Zoltan Varga hat dagegen weiterhin Bestand, was Rechtsanwalt Sandner auf den Plan ruft. Er beruft sich auf eine Lücke im § 4 des Lizenzspielerstatuts und erwirkt am Spieltag beim Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung, die folgende Entscheidung beinhaltet:

„Der Antragsgegner (DFB) hat bei Vermeidung einer für jeden Fall der Zuwiderhandlung festzusetzenden Geldstrafe in unbegrenzter Höhe zu unterlassen, den Antragsteller (Varga) in Ausübung seiner Lizenz zur Fußballspieler-Betätigung bei dem Bundesligaverein Hertha BSC durch Vollzug einer angeordneten, vorläufigen Sperre, d.h. solange der Antragsgegner gegen den Antragsteller weder eine Spielsperre noch einen Lizenzentzug ausgesprochen hat, zu hindern oder zu beeinträchtigen.“

Rechtsanwalt Sandner setzt zur persönlichen Zustellung der einstweiligen Verfügung an den DFB sogar kurzerhand seine Bürovorsteherin ins Flugzeug nach Frankfurt am Main, während sich in Berlin der Vorstand von Hertha BSC nach langen Beratungen mit Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein und ermutigt durch Rechtsanwalt Sandner und dessen Wirken beim Landgericht Berlin, für einen Einsatz von Zoltán Varga im abendlichen Pokalspiel ausspricht.

Das Spiel

Die Berliner, die die Bundesliga-Hinrunde als Tabellenneunter abschließen, wollen gegen die Gäste, die sich vier Tage zuvor mit einem 1:0 gegen den Meisterschaftsrivalen FC Bayern München den inoffiziellen Titel des Herbstmeisters gesichert haben, im DFB-Pokal überwintern. 7.979 zahlende Zuschauer im Olympiastadion sehen an diesem Mittwochabend eine Hertha, die gegen die „Mannschaft der Stunde“ überlegen ist und durch Arno Steffenhagen nach einer halben Stunde folgerichtig in Führung geht. Nach der Pause drücken die Herthaner weiter, das deutliche Eckenverhältnis von 13:3 bringt die Dominanz der Hausherren zum Ausdruck. Trotz zahlreicher Torchancen dauert es bis knapp eine Viertelstunde vor Spielende, ehe Erich „Ete“ Beer mit einem Flachschuss zum 2:0 erhöhen kann.

Nur wenige Minuten später ist es dann erneut Erich „Ete“ Beer, der mit seinem zweiten Treffer des Abends zum 3:0 dafür sorgt, dass Hertha BSC wie schon in der Saison zuvor gegen die Königsblauen die nächste Runde im DFB-Pokal-Wettbewerb erreicht. Verdientermaßen, denn auch Gäste-Trainer Ivica Horvat konstatiert, dass die Niederlage weitaus höher hätte ausfallen können.

Einspruch, Entscheidung & Folgen

Im Gegensatz zur sportlichen Leitung akzeptieren die Vereinsverantwortlichen der Gelsenkirchener das sportliche Ausscheiden gegen Hertha BSC jedoch nicht und legen wegen des Einsatzes des ihrer Ansicht nach nicht spielberechtigten Zoltán Varga Einspruch gegen die Spielwertung beim DFB ein.

Auch der DFB, der durch die Anrufung eines ordentlichen Gerichts die eigene Sportgerichtsbarkeit als einzig maßgebende Instanz unterlaufen sieht, legt Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung ein, der aber von der 5. Zivilkammer des Landgerichtes am Tegeler Weg am 11.01.1972 abgewiesen wird.


Trotzdem entspricht das DFB-Sportgericht zehn Tage später dem Einspruch der Gelsenkirchener, der 3:0-Sieg vom 15.12.1971 wird Hertha BSC aberkannt und als 0:2-Niederlage gewertet, zudem muss der Verein die Kosten des Verfahrens tragen. Am 04.02.1972 weist das DFB-Bundesgericht die Berufung von Hertha BSC gegen das annullierte Pokalspiel zurück.

Nach dem Sieg am „grünen Tisch“ gegen Hertha BSC erreichen die Königsblauen, die die gesamte Spielzeit mit allen mutmaßlich in Spielmanipulationen verwickelten Spielern (darunter Klaus Fichtel, Klaus Fischer, Reinhard Libuda und Rolf Rüssmann) bestreiten, das Endspiel und gewinnen als Bundesliga-Vizemeister den DFB-Pokal gegen den 1. FC Kaiserslautern.

Königsblauer Meineid

Über viele Jahre bestreiten Gelsenkirchener Spieler eine Beteiligung an den Spielmanipulationen und beteuern ihre Unschuld sogar unter Eid. Aufgrund der hohen Beweislast werden acht Spieler wegen Meineids angeklagt, was dem Verein die Bezeichnung „FC Meineid“ in der Presse und in der Öffentlichkeit einbringt. Die Prozesse vor dem Essener Landgericht dauern mehrere Jahre, erst Ende Dezember 1975 werden lediglich hohe Geldstrafen ausgesprochen. Es dauert weitere zwei Jahre, bevor Klaus Fichtel als letzter Spieler vom DFB zu einer Geldbuße verurteilt und mit einer nur 20-tägigen Spielsperre belegt wird.

Nur noch Gelsenkirchen

Schon nach der Bundesliga-Saison 1964/1965 profitieren die Königsblauen indirekt von einer Entscheidung des DFB gegen die Berliner, als Hertha BSC wegen der in der gesamten Liga üblichen Zahlungen von überhöhten Handgeldern als einziger Verein mit dem Zwangsabstieg bestraft wird und die sportlich abgestiegenen Gelsenkirchener zugleich wegen der daraus resultierenden Aufstockung der Bundesliga in der höchsten deutschen Spielklasse verbleiben dürfen.

Wen wundert es also, dass Hertha-Fans den eigentlichen Vereinsnamen der Mannschaft aus dem Ruhrpott aus dem Sprachgebrauch eliminiert haben und seither nur noch ein „Gelsenkirchen“ über die Lippen bringen?!


Veröffentlichungsdatum: 22.01.2019

 
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