HERTHA BSC MUSEUM 1892
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Zwischen ganz oben und ganz unten

Eine Hommage an Volkmar "Langer" Groß

(* 31.01.1948; 
† 03.07.2014)


Zur Saison 1967/1968 wechselt der 19-jährige blonde Hüne mit den langen Koteletten vom Ligakonkurrenten Hertha Zehlendorf zum amtierenden Meister der Regionalliga Berlin, der unter Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein endlich die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga bewerkstelligen will.

Die Aufstiegssaison 1967/1968

In der Saison 1967/1968 erringt Hertha BSC vor Tennis Borussia und Hertha Zehlendorf zum dritten Mal in Folge die Berliner Meisterschaft und qualifiziert sich erneut für die Aufstiegsrunde zur Fußball-Bundesliga. Volkmar Groß muss in 30 Saisonspielen, von denen Hertha BSC 26 Begegnungen für sich entscheiden kann und nur einmal unterlegen ist, lediglich elf Gegentreffer hinnehmen. In der Aufstiegsrunde setzt er sich mit seiner Mannschaft gegen SV Alsenborn, Rot-Weiss Essen, Bayern Hof und SC Göttingen durch. Die Triumphfahrt des Bundesliga-Aufsteigers durch die West-Berliner Innenstadt mit dem Empfang durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz im Rathaus Schöneberg markiert den bis dahin schönsten Tag in der Karriere des gebürtigen Zehlendorfers.


Erfolgreiche Zeiten in der Bundesliga


Aufgrund einer Verletzung von Volkmar Groß verpflichtet Hertha BSC zur Saison 1968/1969 den österreichischen Nationaltorwart Gernot Fraydl. Nachdem Volkmar Groß in den Spielbetrieb zurückkehrt ist, ist es für Trainer Helmut „Fiffi“ Kronsbein unmöglich, einen der beiden gleichwertigen Torhüter auf die Ersatzbank zu setzen. Gemeinsam entscheiden sie sich für eine Rotation im Berliner Gehäuse. In den beiden ersten Bundesliga-Spielzeiten, die Hertha BSC auf dem dreizehnten und dem dritten Tabellenplatz beendet, steht Gernot Fraydl bei 18 bzw. 13 Spielen im Berliner Gehäuse, während Volkmar Groß auf 17 bzw. 22 Einsätze kommt. In beiden Spielzeiten bestreiten beide Torleute in jeweils einer Partie eine Halbzeit. Nach der Saison 1969/1970, die die Berliner mit der bis zum heutigen Tage höchsten Punktzahl in der Bundesliga-Vereinsgeschichte absolvieren, verlässt Gernot Fraydl die Berliner, so dass von nun an der acht Jahre jüngere Volkmar Groß die unangefochtene und alleinige Nummer 1 im Gehäuse von Hertha BSC ist.


Der Ruf des Bundesadlers


Die erste Hälfte der Saison 1970/1971 läuft für Hertha BSC und Volkmar Groß herausragend. Nach 16 Spieltagen belegen die Berliner mit lediglich vier Punkten Rückstand den fünften Tabellenrang, der Berliner Schlussmann muss lediglich 16 Mal hinter sich greifen, so dass Bundestrainer Helmut Schön den knapp 23-jährigen Berliner in den Kader für das Freundschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft in der Hafenstadt Piräus gegen Griechenland beruft. Am 22. November 1970 debütiert Volkmar Groß als 13. Spieler von Hertha BSC im Trikot der deutschen Nationalmannschaft. Mit namhaften Spielern, wie z.B. „Kaiser“ Franz Beckenbauer, Jürgen Grabowski, Josef „Jupp“ Heynckes, Reinhard „Stan“ Libuda, Günter Netzer, Wolfgang Overath und Hubert „Berti“ Vogts, den er bereits aus der Schüler-Nationalmannschaft kennt, gewinnt Deutschland vor 40.000 Zuschauern im Stadio Georgios Karaiskakis mit 3:1 (2:0) gegen Griechenland.


Nach der Partie erhält Volkmar Groß von einer Legende des Weltfußballs ein herausragendes Kompliment. Auf die Frage eines Reporters, wer ihm in der deutschen Mannschaft am meisten imponiert habe, antwortet
Ferenc Puskás, Trainer von Panathinaikos Athen, ehemaliger Star-Spieler von Honved Budapest und Real Madrid sowie langjähriger Mannschaftskapitän der ungarischen Nationalmannschaft: „Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Den nachhaltigsten Eindruck machte auf mich der große blonde Riese im Tor. Ich bin sicher, dieser Mann wird in wenigen Jahren ein Weltklassetorwart sein!“


Der Tag, der alles verändert


Doch der letzte Spieltag der Saison 1970/1971 verändert alles im Leben von Volkmar Groß und nahezu allen anderen Spielern einer Hertha-Mannschaft, der allseits eine große Zukunft vorausgesagt wird. Am 5. Juni 1971 empfangen die im heimischen Olympiastadion bis dahin unbesiegten Berliner als Tabellendritter die akut abstiegsgefährdete Mannschaft von Arminia Bielefeld. Als diese Begegnung trotz Feldüberlegenheit und 12:4 Ecken mit 0:1 verloren geht, macht das Wort „Schiebung“ die Runde auf den Zuschauerrängen im Olympiastadion. Nachdem
Horst-Gregorio Canellas, Präsident der abgestiegenen Offenbacher Kickers, einen Tag später anlässlich der Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag durch Tonbandaufnahmen das ganze Ausmaß von Spielabsprachen ans Tagelicht bringt, geraten auch die Berliner Spieler in Erklärungsnot.


In einem Interview im Oktober 2004 für das Buch „HERTHA 1970-1990: Ehemalige Spieler erinnern sich“ von Gilbert Blecken, schildert Volkmar Groß die damaligen Ereignisse aus seiner Sicht: „
Ich kann da sowohl für mich als auch für den Großteil der Mannschaft sprechen, wenn ich sage, dass wir uns während des Spiels gegen Bielefeld wirklich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Wir haben uns lediglich nach dem Spiel falsch verhalten. Vor dem Spiel wussten wir zwar auch von dem Angebot, aber da haben wir nur darüber gelacht, es wurde nie ernsthaft darüber diskutiert, dieses Spiel zu verschieben. Als wir dann aber das Spiel tatsächlich ungewollt verloren hatten, haben wir uns im Waldhaus, einem Lokal an der Heerstraße getroffen…“. Im Laufe des Abends kommt es zwischen einem Vertreter von Arminia Bielefeld und dem Berliner Spieler Jürgen Rumor zur Übergabe eines Aktenkoffers mit 250.000,00 DM, da die Ostwestfalen davon ausgehen, dass Hertha BSC das Spiel absichtlich verloren habe. Hierzu fährt Volkmar Groß fort: „Als er später zu uns stieß, hatten wir alle schon ein paar Bier getrunken. Wir sind dann in meine Wohnung gegangen, die gleich um die Ecke lag…“. Über die Verteilung der Geldsumme berichtet Volkmar Groß mehr als 33 Jahre später: „Selbstverständlich hatten wir alle auch ein bisschen Schiss, da wurde schon ziemlich diskutiert, das lief nicht innerhalb von 20 Minuten ab. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht, allerdings auch nicht zu schwer, um ganz ehrlich zu sein. Wir fühlten uns bei der Sache auch nicht schuldig, weil wir ja nicht absichtlich verloren hatten, was uns hinterher natürlich keiner geglaubt hat.“ Volkmar Groß wird später für den Zeitraum vom 21. Juni 1972 bis 20. Juni 1974 gesperrt (aber bereits am 26. November 1973 begnadigt) und muss 15.000,00 DM an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zahlen, der diese Summe karitativen Zwecken zuführt.


Die zweite Spielerkarriere


Nach diesem Urteil und insgesamt 141 Pflichtspielen für Hertha BSC zieht es Volkmar Groß zur Saison 1972/1973 für zwei Spielzeiten zum Hellenic FC nach Kapstadt in Südafrika. 1974 kehrt er nach Europa zurück und schließt sich dem FC Twente Enschede aus der niederländischen Ehrendivision an. Gleich in der ersten Saison erreicht er die beiden Endspiele um den UEFA-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach. Nach einem 0:0 im Hinspiel im Düsseldorfer Rheinstadion, muss sich Volkmar Groß mit seiner Mannschaft im Rückspiel in Enschede deutlich mit 1:5 geschlagen geben.

Nach zweieinhalb Spielzeiten in den Niederlanden, folgt er dem Ruf von Rudolf „Rudi“ Gutendorf, der ihn zum Jahresbeginn 1977 zum abstiegsbedrohten Lokalrivalen Tennis Borussia zurück in die 1. Bundesliga holt. Er bestreitet alle 17 Rückrundenspiele, kann den Abstieg der Veilchen aus der 1. Bundesliga trotz herausragender Leistungen aber nicht verhindern. Immerhin gelingt ihm am letzten Spieltag gegen den 1. FC Kaiserslautern per Handelfmeter sogar sein einziger Treffer der Karriere. Er wechselt zum FC Schalke 04, für den er ab der Saison 1977/1978 bis Mitte Dezember 1978 insgesamt 44 Pflichtspiele absolviert, bevor er sich dem Stress trotz sehr guter Darbietungen nicht mehr gewachsen sieht. Nach der Winterpause kehrt er nicht mehr nach Gelsenkirchen zurück. Trotz erheblicher finanzieller Abstriche flüchtet er quasi in die U.S.A., wo er sich zunächst den Minnesota Kicks aus der North American Soccer League (NASL) anschließt, bevor er noch vor Jahresende 1979 zu den San Diego Sockers wechselt und dort seine aktive Karriere wenige Wochen vor seinem 36. Geburtstag Ende 1983 beendet.

Die Rückkehr aus den U.S.A.


Ende 2003 kehrt Volkmar Groß aus den U.S.A. nach Deutschland zurück. Er eröffnet im Juni 2005 nach Vermittlung durch Wolfgang Holst und mit finanzieller Unterstützung von Franz Beckenbauer und dessen Stiftung die Sports-Bar „Volkmar’s Tor“ in der Charlottenburger Kaiserin-Augusta-Allee. 2006 erhält er die Diagnose, dass er an Prostatakrebs erkrankt ist. Im Berliner Olympiastadion ist er mit zahlreichen anderen ehemaligen Spielern der Blau-Weißen regelmäßig bei den Heimspielen seiner Hertha zu Gast. Die Gründung einer Task Force, die er nach dem Abstieg von Hertha BSC aus der 1. Bundesliga 2009/2010 ins Leben rufen will, um mit anderen ehemaligen Spielern dem Verein mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, zerschlägt sich. Mittlerweile leidet Volkmar Groß neben seiner Krebserkrankung zudem an der Lungenkrankheit COPD. Trotzdem wirkt er weiterhin im HFC-Treff „Sporteck“, den er seit 2008 zusammen mit einem Geschäftspartner in der Schöneberger Naumannstraße betreibt, auch wenn er jetzt nicht mehr hinter dem Tresen steht.


Er trifft sich regelmäßig mit dem ebenfalls nach vielen Auslandsjahren nach Berlin zurückgekehrten Uwe Witt. Der ehemaliger Weggefährte sowie Mannschaftskapitän von Hertha BSC ist auch dabei, als sich Volkmar Groß mit einigen Fans aus dem Hertha BSC-Blog - einer virtuellen Plattform der Berliner Morgenpost, auf der er sich angeregt austauscht und seine Expertise stets hochgeschätzt ist – trifft und wunderbare Anekdoten, z.B. über die dreiwöchige Mannschaftsreise in die U.S.A. im Mai 1970 erzählt. 
In dem Hertha BSC-Blog erwähnt Volkmar Groß Anfang Juni 2014 fast beiläufig über ein „baldiges Ende“ und äußert auf privater Ebene die Hoffnung, die kommende Saison von Hertha BSC noch zu „überstehen.


Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien erzählt Volkmar Groß vom „Club der Nationalspieler“, in dem er nach seinem einzigen Länderspieleinsatz stolzes Mitglied ist und berichtet über die anlässlich von Heim-Länderspielen jährlich stattfindenden Treffen, zu denen er stets eingeladen ist. Es mag eine Kombination dieses Anlasses und seiner gesundheitlichen Verfassung sein, die ihn antreibt, einen langgehegten Plan endlich in die Tat umzusetzen und seine Biographie zu schreiben. Doch leider bleibt es bei den bereits schon länger verfassten wenigen sehr lesenswerten und kurzweiligen Seiten, denn kurze Zeit später wird Volkmar Groß in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er einen Tag vor dem WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Deutschland im Alter von nur 66 Jahren aus dem Leben scheidet. Einen Monat später findet der „Lange“ nach einer bewegenden Trauerfeier, bei der Lothar Pötschke als Vorsitzender des Ältestenrats von Hertha BSC die Trauerrede hält, in einer blau-weißen Fußball-Urne seine letzte Ruhe auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof. 

Veröffentlichungsdatum: 31.01.2020

 
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