HERTHA BSC MUSEUM 1892
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"Der Gentleman-Trainer"

Eine Hommage an "Sir" Georg Kessler zum 87. Geburtstag

Zur Saison 1974/1975 verpflichtet Präsident Heinz Warneke den renommierten FIFA-Trainer Dettmar Cramer als Nachfolger für den bereits im März 1974 zu Hannvoer 96 abgewanderten Helmut „Fiffi“ Kronsbein. In den Tagen zwischen dem offiziellen Trainingsbeginn im Stadion am Gesundbrunnen und dem Trainingslager im fränkischen Herzogenaurach, reift bei Dettmar Cramer der Gedanke, aus persönlichen Gründen von seiner Verpflichtung bei Hertha BSC Abstand zu nehmen und um Auflösung seines Dreijahresvertrages zu bitten.

Die Verantwortlichen von Hertha BSC müssen nun schnellstens einen adäquaten Ersatz finden und werden nach einem Hinweis eines Journalisten auf den bis dahin vornehmlich Experten bekannten Georg Kessler aufmerksam. Nach kurzen Verhandlungen nimmt der Bundesligist den im saarländischen St. Ingbert geborenen 41-jährigen, der zuvor zwischen 1966 und 1970 in 28 Länderspielen als verantwortlicher Bondscoach der niederländischen Nationalmannschaft fungiert und 1972 mit dem RSC Anderlecht das belgische Double erringt, offiziell unter Vertrag.

Vom „Schorsch“ zum „Sir“

Georg Kessler gelingt es in kürzester Zeit, die Mannschaft und die Anhänger der Blau-Weißen für sich zu begeistern. Der an der Deutschen Sporthochschule in Köln ausgebildete Fußballlehrer besticht nicht nur aufgrund seiner fachlichen Kompetenz, sondern auch durch seine äußere Erscheinung und einer zuvorkommenden Höflichkeit, die ihm in Berlin alsbald den Beinamen „Sir“ einbringt.

Der Traum von der Meisterschaft

Der Saarländer mit holländischem Akzent startet mit seiner Mannschaft dank eines verwandelten Strafstoßes seines Mannschaftskapitäns Ludwig „Luggi“ Müller in der letzten Spielminute mit einem 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf in die Spielzeit 1974/1975. Nach einer 1:2-Niederlage beim amtierenden Deutschen Meister Bayern München, befördert der Trainer, der ein geschultes Auge für Nachwuchstalente hat, den jungen Wolfgang Sidka zum Stammspieler und feiert sogleich mit einem 4:1 gegen die Offenbacher Kickers den ersten Saisonsieg.

Auch in den folgenden fünf Bundesliga-Partien bleiben die Blau-Weißen bei zwei Siegen und drei Remis unbesiegt, bevor man am neunten Spieltag in Braunschweig die erst zweite Saison-Niederlage hinnehmen muss. Nach zwei weiteren Siegen und einem Remis steht am 13. Spieltag das mit Spannung erwartete Lokalderby beim Aufsteiger Tennis Borussia an. Die Blau-Weißen besiegen die Veilchen mit 3:0 (0:0) vor 75.000 Zuschauern im ausverkauften Berliner Olympiastadion.

Das „kicker sportmagazin“ würdigt in seiner zwei Tage später erscheinenden Montagsausgabe die Leistung von Georg Kessler mit Hertha BSC mit dem Artikel „Kesser mit Kessler“. Nach drei weiteren Siegen aus den nächsten vier Spielen, rangiert Hertha BSC zur Winterpause auf dem zweiten Tabellenrang. Lediglich aufgrund des ungünstigeren Torverhältnisses gegenüber der punktgleichen Mannschaft von Borussia Mönchengladbach verpassen die Berliner den inoffiziellen Titel des Herbstmeisters.

Nach einem torlosen Remis bei Fortuna Düsseldorf zum Auftakt der Rückrunde, kommt es am ersten Februartag zum Duell mit dem FC Bayern München, bei dem Dettmar Cramer mittlerweile den Trainerposten übernommen hat. Im ausverkauften Berliner Olympiastadion erringt Hertha BSC in einer Begegnung, die aufgrund von dichtem Nebel mehrmals kurz vor dem Abbruch steht, mit 4:1 den ersten Bundesliga-Heimsieg gegen die Elf aus der bayerischen Landeshaupstadt.

Auch im weiteren Verlauf der Saison bleiben die Blau-Weißen zuhause unbesiegt, die insgesamt 15 Siege bei lediglich zwei Remis reichen jedoch nicht für den ganz großen Coup. Aufgrund der neun Auswärtsniederlagen bleibt für die Berliner am Ende mit umgerechnet acht Punkten Rückstand auf die Fohlen vom Bökelberg „nur“ die Vize-Meisterschaft - bis zum heutigen Tage die beste Saisonplatzierung in der blau-weißen Bundesliga-Historie.

Nach der Saison 1974/1975 verkündet der 34-jährige Ludwig „Luggi“ Müller sein Karriereende. Ohne den verlässlichen Mannschaftskapitän erreicht Georg Kessler mit seiner Mannschaft in den beiden folgenden Bundesliga-Spielzeiten einen elften bzw. zehnten Tabellenrang.

Gute Zeiten im DFB-Pokal

Dafür trumpft Hertha BSC in diesen beiden Spielzeiten im DFB-Pokal-Wettbewerb groß auf. Während in der Saison 1974/1975 der Wettbewerb für die Berliner bereits in der 1. Runde bei Eintracht Braunschweig nach Verlängerung ein Ende findet, erreicht der „Sir“ mit seiner Mannschaft nach Siegen gegen FV Weinheim 09, VfB Stuttgart, Stuttgarter Kickers, Eintracht Frankfurt (Verlängerung) und SV Röchling Völklingen (Wiederholungsspiel) erstmals nach 1964 wieder ein Halbfinale. Auf dem Betzenberg muss man sich dem 1. FC Kaiserslautern jedoch mit 2:4 geschlagen geben.

Die Berliner gehen in der Saison 1976/1977 dann noch einen Schritt weiter. Nach Siegen gegen TuS Langerwehe 08, FC Bayern Hof, SV Darmstadt 98 (Verlängerung), MSV Duisburg, FC Bayern München (Verlängerung) und Bayer Uerdingen, zieht Hertha BSC erstmals in ein Endspiel um den DFB-Pokal ein.

Im Niedersachsenstadion in Hannover trennen sich die Berliner nach 120 dramatischen Minuten mit 1:1 vom 1. FC Köln. In dem einzigen Wiederholungsspiel in der Geschichte dieses Wettbewerbes, bleibt „Sir“ Georg Kessler in seinem letzten Spiel als Trainer von Hertha BSC die Krönung seiner Tätigkeit bei den Blau-Weißen verwehrt. Hertha BSC zieht in einer erneut spannenden Partie zwei Tage später an gleicher Stelle mit 0:1 den Kürzeren und verpasst nur äußerst knapp den größten Triumph der Vereinsgeschichte seit dem Gewinn der beiden Meistertitel 1930 und 1931.

Eine Erfolgsbilanz


Georg Kessler erringt mit Hertha BSC in 102 Bundesligaspielen während seiner dreijährigen Amtszeit insgesamt 43 Siege und 24 Remis bei lediglich 35 Niederlagen (175:158 Tore), was einem hervorragenden Durchschnitt von 1,50 Punkten (Drei-Punkte-Regel) entspricht. Mit der Deutschen Vizemeisterschaft (1975), dem Erreichen des Semifinales um den DFB-Pokal (1976) und dem Einzug in das DFB-Pokal-Finale (1977), ist Georg Kessler einer der erfolgreichsten Trainer in der blau-weißen Vereinsgeschichte.


Veröffentlichungsdatum: 23.09.2019
 
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