HERTHA BSC MUSEUM 1892
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Jürgen Mohr – Zauberfuß und Hüftwackler

Nach dem Schock des ersten sportlichen Abstieges aus der Eliteklasse des deutschen Fußballs in der Saison 1979/1980 formiert Hertha BSC unter Trainer Uwe Klimaschefski, von 1963 bis 1963 selbst 57-facher Spieler bei den Berlinern in der neugegründeten Bundesliga, eine Mannschaft mit vielen neuen Gesichtern. Mit zahlreichen Neuzugängen, u.a. von Torwart Gregor Quasten, Abwehrchef Walter Gruler, Mittelfeldmotor Horst Ehrmanntraut und Torjäger Werner Killmaier, gehen die Blau-Weißen in die 22 Mannschaften umfassende und mit 42 Saisonspielen anstrengende Saison 1980/1981 der 2. Bundesliga Nord.

Die Vereinsführung gibt eine Platzierung vor dem Lokalrivalen Tennis Borussia, mindestens einen gesicherten Tabellenplatz als Basis zur Teilnahme an der eingleisigen 2. Bundesliga 1981/1982 und im besten Fall die direkte Rückkehr in das deutsche Fußball-Oberhaus als Zielsetzungen für die von Mannschaftskapitän Holger Brück angeführten Blau-Weißen aus. Doch nach drei Niederlagen in den ersten vier Ligapartien wird deutlich, dass auch in der 2. Bundesliga Nord ein rauer fußballerischer Wind weht.


Der Wechsel aus der Domstadt in die Mauerstadt


Hertha BSC ist deshalb auf der Suche nach einer weiteren Verstärkung und wird auf den 22-jährigen Jürgen Mohr aufmerksam, der seit zwei Jahren beim 1. FC Köln unter Vertrag steht und sein dortiges Arbeitspapier im Sommer für zwei weitere Spielzeiten verlängert hat. Präsident Wolfgang Holst kontaktiert die Domstädter und lädt Jürgen Mohr zu einem einwöchigen Probetraining ein, bei dem der Spielmacher auf Anhieb überzeugen kann. Beide Vereine einigen sich für eine Summe von 50.000 DM auf eine Ausleihe des Spielmachers bis zum Saisonende.
 Auch Jürgen Mohr, der im Starensemble des ambitionierten DFB-Pokal-Finalisten unter Trainer Karl-Heinz Heddergott eher geringe Aussichten auf Einsatzzeiten erwartet, sieht in dem Wechsel in die 2. Bundesliga eine Herausforderung und Chance zur fußballerischen und persönlichen Weiterentwicklung in der ungewohnten Umgebung der bevölkerungsreichsten und durch die Mauer geteilten Großstadt.

Nach der Premiere geht es bergauf

Zwar zeigt die Leistungskurve der Blau-Weißen nach zwei Siegen in den letzten drei Ligaspielen und dem Weiterkommen im DFB-Pokal wieder etwas nach oben, doch noch fehlt die Kontinuität. Umso mehr wird die Premiere von Jürgen Mohr im blau-weißen Trikot erwartet. Am achten Spieltag steuert er sogleich das 3:1 beim deutlichen 4:1 gegen den überforderten Tabellenvorletzten Spielvereinigung Erkenschwick im Berliner Olympiastadion bei. Es ist der Wendepunkt der noch jungen Saison, denn die Berliner gewinnen bis Weihnachten zehn der folgenden 13 Ligaspiele, darunter ein 8:0 (4:0) gegen die SG Wattenscheid sowie ein 2:0 (1:0) im Lokalderby gegen Tennis Borussia vor 44.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion. Nach der Hinrunde belegt Hertha BSC hinter Werder Bremen einen aussichtsreichen zweiten Tabellenrang, der zur Teilnahme an den Relegationsspielen zur 1. Bundesliga berechtigt und erreicht mit zwei Erfolgen gegen FV 04 Würzburg und SV Darmstadt 98 zudem das Achtelfinale um den DFB-Pokal.


Aufstieg & Pokalfinale zum Greifen nah


Nach der zwölftägigen Spielpause setzen die Blau-Weißen im neuen Jahr die Erfolgsserie in der 2. Bundesliga Nord mit zehn Siegen, darunter der zweite Derbysieg mit 4:1 (1:0) bei Tennis Borussia vor 26.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion, aus zwölf Spielen fort. Im Februar schalten die Berliner im DFB-Pokal zudem die Mannschaften von Bayer 05 Uerdingen mit 5:1 (2:0) und Fortuna Düsseldorf als amtierenden DFB-Pokalsieger mit 2:1 (1:0) aus und erreichen nach 1964, 1977 und 1979 zum vierten Mal das Semifinale dieses prestigeträchtigen Pokalwettbewerbs. Bei der Auslosung hat Hertha BSC allerdings kein Losglück und muss Anfang April beim viertplatzierten Erstligisten Eintracht Frankfurt antreten, wo man sich im Waldstadion nach großem Kampf und einigen hochkarätigen Torchancen mit 0:1 (0:1) geschlagen geben muss. Selbst Jürgen Grabowski, Frankfurter Idol und Fußball-Weltmeister 1974, attestiert den Berlinern eine Leistung, „über die man ins Schwärmen geraten konnte“.

Zwölf Tage später kommt es am Gründonnerstag zum großen Showdown der beiden Bundesliga-Absteiger und Erstplatzierten der 2. Bundesliga Nord vor 72.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion. Die Gastgeber müssen nach einer Halbzeitführung kurz vor Spielende das 1:2 hinnehmen und rutschen aufgrund eines Auswärtssieges von Eintracht Braunschweig sogar auf den dritten Tabellenrang ab. Die Mannschaft gibt sich jedoch nicht auf und trifft Mitte Mai nach fünf aufeinanderfolgenden Siegen als Tabellenzweiter auf die mit einem Punkt dahinter platzierte Elf von Eintracht Braunschweig. 69.000 Zuschauer wollen der Vorentscheidung um den Relegationsplatz zugunsten ihrer Mannschaft beiwohnen. Doch trotz einer Halbzeitführung unterliegen die Berliner durch drei Gegentreffer in der zweiten Spielhälfte noch mit 2:4 (2:1). Ausgerechnet die Mannschaft aus der Heimatstadt von Jürgen Mohr, kann eine Woche später keine Schützenhilfe für Hertha BSC leisten, denn bei den bis dahin zuhause unbesiegten Alemannen gelingt den Braunschweigern der zweite Auswärtssieg in Folge. Mit den meisten Saisonsiegen (31) und der für die 2. Bundesliga neue Rekordmarke von 123 Treffern sowie dem mit Abstand besten Torverhältnis (+81) verpassen die Berliner auf dem undankbaren dritten Tabellenplatz hinter den beiden letztjährigen Bundesliga-Absteigern Werder Bremen und Eintracht Braunschweig die beiden Relegationsspiele zur Rückkehr in die 1. Bundesliga um lediglich einen Punkt.


Jürgen Mohr, der die blau-weißen Anhänger mit zentimetergenauen Pässen und seinem unnachahmlichen Hüftwackler begeistert, steuert neun Treffer in 34 Spielen bei und avanciert zum unumstrittenen „Zehner“ und Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld der Blau-Weißen. Nach der Saison verpflichtet Wolfgang Holst den Mittelfeldstrategen, der in der Angerburger Allee in der Nachbarschaft von einigen anderen Mannschaftskameraden heimisch geworden ist, für eine Ablösesumme von 300.000 DM endgültig vom 1. FC Köln und stattet ihn mit einem Zweijahresvertrag aus.

Der ersehnte Wiederaufstieg


Die Euphorie um die Mannschaft ist vor der eingleisigen 2. Bundesliga 1981/1982 in Berlin groß. 1.600 Zuschauer schwören die Mannschaft beim öffentlichen Training im Stadion Rehberge auf den Wiederaufstieg ein. Nach 17. Spieltagen belegt Hertha BSC lediglich den siebten Tabellenplatz. Als man Anfang Dezember dem Regionalligisten SSV Ulm 1846 im heimischen Olympiastadion mit 1:2 (0:1) in der dritten Runde um den DFB-Pokal unterlegen ist, übernimmt Georg Gawliczek die Mannschaft von Uwe Klimaschefski. Die Herthaner gewinnen die beiden nächsten Punktspiele und rücken zur Winterpause auf den vierten Tabellenplatz vor.

Die Rückrunde beginnt allerdings ernüchternd mit einem torlosen Remis gegen die abstiegsbedrohten Fürther, bevor man beim Bundesliga-Absteiger und Tabellenführer Schalke 04 knapp mit 1:2 (0:1) geschlagen geben muss. In den folgenden Monaten bleibt die Liga im oberen Tabellendrittel dicht beieinander. In den nächsten 14 Spielen geht Hertha BSC achtmal als Sieger hervor und erringt zudem vier Remis. Lediglich zweimal bleiben die Berliner ohne Punktgewinn. Mit einem 6:0 (2:0) beim Tabellenschlusslicht Spielvereinigung Bayreuth rücken die Blau-Weißen am 36. Spieltag erstmals auf den zweiten Tabellenrang vor, der gleichbedeutend mit der Rückkehr in das deutsche Fußball-Oberhaus ist. Mit einem Sieg gegen Hannover 96 kann die „Alte Dame“ den Aufstieg aufgrund des besten Torverhältnisses im letzten Heimspiel der Saison perfekt machen. 43.000 Zuschauer bejubeln zwei Treffer von Bernd Beck zum 2:0 (1:0) gegen die Niedersachsen. Nach dem Schlusspfiff stürmen zahlreiche Anhänger das Spielfeld im Berliner Olympiastadion und feiern ausgelassen die Rückkehr von Hertha BSC in die Erstklassigkeit.


Jürgen Mohr ist mit 17 Toren in 37 Spielen der zweitbeste Torschütze der Blau-Weißen und weckt nun auch das internationale Interesse von Hellas Verona, dem Aufsteiger in die italienische Serie A. Er widersteht jedoch dem Angebot und bleibt Hertha BSC treu. Zur Erstliga-Saison bestimmt Wolfgang Holst den 1,87 m großen Mittelfeldregisseur mit der blonden Mähne und der Rückennummer 10, der in der Presse zuweilen mit Günter Netzer verglichen wird, zum neuen Mannschaftskapitän.

Abstiegskampf und Ernüchterung


Den erneuten Abstieg von Hertha BSC in der 20. Saison der höchsten deutschen Spielklasse kann auch Jürgen Mohr trotz seiner 33 Einsätze mit fünf Toren nicht verhindern. Nach der Hinrunde belegen die Berliner nach drei Siegen und sechs Remis aufgrund des besseren Torverhältnisses zwar noch den 15. Tabellenplatz, jedoch gelingen in der Rückrunde lediglich zwei weitere Siege und vier Remis. Mit zwei Punkten Rückstand auf den zur Teilnahme an den Relegationsspielen berechtigenden 16. Tabellenrang bzw. mit sieben Punkten Rückstand auf den rettenden 15. Tabellenplatz steigen die Blau-Weißen als Liga-Schlusslicht zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren in die 2. Bundesliga ab.

Nach dem Abstieg wechselt Jürgen Mohr als einer der ersten Bundesligaspieler für eine siebenstellige Ablösesumme in Höhe von einer Million DM zu Eintracht Frankfurt. Nach zwei Jahren zieht es ihn im Sommer 1985 zum Ligakonkurrenten 1. FC Saarbrücken, bevor er für drei Spielzeiten zum FC Luzern wechselt, mit dem ihm 1989 der Gewinn des schweizerischen Meistertitels gelingt. Es schließen sich zwei einjährige Engagements im Alpenland beim FC Sion sowie bei Servette Genf an, bevor Jürgen Mohr für die Saison 1991/1992 nach Berlin zurückkehrt und für Blau-Weiß 90 in der 2. Bundesliga Nord die Fußballschuhe schnürt. Nach drei Spielzeiten bei Eintracht Trier in der Oberliga Südwest bzw. Regionalliga West-Südwest beendet der mittlerweile fast 37-jährige seine aktive Karriere nach der Saison 1994/1995.

Immer auf der Höhe des Balls


Heute lebt Jürgen Mohr, bekennender Aficionado der britischen Progressive Rock-Legenden „Emerson, Lake and Palmer“, in Rheinland-Pfalz an der schönen Mosel in der Nähe von Bernkastel-Kues. Nach 20 Jahren als selbstständiger Weinvertreter einer schweizerischen Firma für französische Spirituosen und italienische Weine, ist er nun in der Firma seiner Lebensgefährtin im ambulanten Pflegedienst tätig. Selbstverständlich verfolgt Jürgen Mohr das aktuelle nationale und europäische Fußballgeschehen, zudem ist sein Neffe Tobias für den 1. FC Heidenheim in der 2. Bundesliga aktiv.


Veröffentlichungsdatum: 29.08.2020

 
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